Stricken ist das neue Yoga

Ich hab jetzt etwas ganz Tolles für mich entdeckt”, sagt N. freudestrahlend. “Stricken.” Ich muss zugeben, ich bin erstaunt, dass sie einen derartig glücklichen Gesichtsausdruck, den sie sich sonst für Taschen, herrlich schlechte Bücher (die sie dann gerne an mich weitergeben darf), DVD-Boxen von süchtigmachenden Serien und Salamipizzas aufhebt, von Stricken redet. Stricken, ernsthaft?
Ich weiß es ist ganz furchtbar in zu stricken. Ich kann mich sogar an eine Titelseite eines Magazins erinnern mit der Schlagzeile: Stricken ist das neue Yoga. Es soll unglaublich entspannend sein und zudem stellt man auch gleich etwas her, hat etwas vorzuweisen. Etwas, das einem im kommenden Winter, also so ab übernächster Woche, den Hals warm halten wird (N. hat mit einem Schal begonnen – ganz einfach, wie sie meint. Nur glatt. Hä?). Aber so sehr ich mich auch bemühe, ich kann daran nichts Entspannendes finden. W. meint, weil ich nicht die Ruhe dazu hätte. Dem kann ich nur widersprechen. Ich bin ein furchtbar ruhiger und ausgeglichener Mensch. Zumindest bin ich überzeugt davon, dass ich es sein könnte. Ich glaube ja, es fehlt mir nicht an der Ruhe sondern an den feinmotorischen Fähigkeiten. Schon in der Volksschule war der Handarbeitsunterricht (müssen die armen Kinder das heute noch über sich ergehen lassen?) die reinste Qual für mich. Häkeln, Sticken und Stricken – egal was, ich konnte es einfach nicht. Und ich hab’s blöd gefunden. Vielleicht weil ich’s nicht konnte. Ich kann mich an eine Schlange erinnern, die wir stricken mussten, die schlussendlich wie ein grausam deformierter Wurm ausgesehen hat. Meine Mutter hat gelacht. Herzlich. Laut. Aber sie liebt mich. Noch immer.
Jedenfalls war schon in jungen Jahren der Grundstock für meine Handarbeitsabneigung gelegt worden. Und wie kann so etwas enspannend sein. Man versucht verzweifelt mit zwei Stöckchen einen Wollfaden durch Schlaufen zu ziehen. Immer wieder fallen einem die Maschen runter. Dann muss man sie suchen. Meist ein aussichtsloses Unterfangen. Und dann hat man auf einmal ein eher unförmiges Loch in dem, was eigentlich ein kuscheliger Winterpulli werden sollte.

“Aber”, meint N. “Stricken ist jetzt anders als früher. Da hatten wir ja diese schrecklichen Metallstricknadeln. Meine Mama hat die noch.” L. hingegen, von der sie mit der Strickleidenschaft angesteckt wurde, die hätte da in einem kleinen Wollgeschäft Stricknadeln aus Holz entdeckt. Die wären so hübsch. Und plötzlich taucht vor meinen Augen ein Bild vor meinem inneren Auge auf: ich, aufs Sofa gekuschelt, eine Tasse Tee am Tischchen, eine Schmusibu-Film im Fernsehen und in der Hand diese lässigen Holzstricknadeln, mit denen ich gerade meinen neuen Lieblingspulli stricke. Klingt schon nett. Doch dann fällt eine Masche hinunter – unwiderbringlich. Und auch die hübschesten Holzstricknadeln holen die nicht mehr zurück. Ich werde mir den Pulli wohl doch kaufen.

2 thoughts on “Stricken ist das neue Yoga

  1. admin

    schade, dass W. auch in der Geschichte vorkommt. Hätte mich zu sehr gefreut wenn W. N. gewesen wäre. 😉

  2. tja, bin leider noch sehr der wahrheit verhaftet – vielleicht geb ich sie bald zugunsten des stils auf.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *