Wildwechsel

N. hat einen Hirsch. In ihrem Wohnzimmer. Also keinen ganzen, mehr so die Überreste, also das Geweih. In Weiß. Nicht dass, das ein besonderer Albinohirsch war. Das Geweih wurde lackiert. Und es schaut ja auch irgendwie schick aus. Nur halt auch ein bisschen gruselig. Vor allem wenn ich daran denke wo das Geweih herkommt. N.s Opa war nämlich Jäger. Ein sehr eifriger noch dazu. N. hat also nicht irgendeinen frischgetöteten Hirsch an der Wand. Das Tier ist schon lange in den ewigen Jagdgründen (politisch also fast vollkommen korrekt) und es ist ja auch irgendwie schade soviel Dekomaterial in einem Häuschen in den Bergen verkümmern zu lassen. Da sieht’s ja niemand. Und so im neuen Gewand ist der Hirsch ja wieder total modern, hab’ ich mir sagen lassen. Und weil er ja eh schon tot ist und gegessen…Tja, da kann er dann auch gleich in der Hauptstadt an der Wand hängen. Bei N. im Wohnzimmer.

Aber wie gesagt. N.s Opa war flink mit der Flinte. Und das hat mir vor Jahren, als ich das erste Mal zu N.s und unser aller Oma ins Haus gekommen bin, einen gehörigen Schrecken eingejagt. Nicht dass der Opa da mich mit dem Gewehr empfangen hat. Der war zu diesem Zeitpunkt leider schon gestorben. Aber sein Erbe war noch da. In Form von unzähligen Krickerln und Geweihen an der Wand. Im Esszimmer. Und im Stiegenhaus, wo auch ein unglaublich süßes Murmeltier sein präpariertes Näschen in die Höhe gereckt hat und ein wirklich prächtiger Auerhahn posiert hat. Bei Tag ist das ja alles nicht so erschreckend. Ein wenig unbehaglich machend, wenn man’s nicht gewohnt ist, aber sonst nicht weiter tragisch. Aber bei Nacht. Ja bei Nacht, da hatte meine wesentlich jüngere Version wirklich hart damit zu kämpfen, dass sie auf ihrem Weg zur Toilette nicht vor Schreck die glatte Stiege runtergeschlittert ist. Den entsetzen Schrei hab’ ich nicht ganz unterdrücken können.

Inzwischen weiß ich, was mich da in der Dunkelheit erwartet. Die Krickerln sind mit den Jahren eh auch weniger geworden. Der unglückselige Auerhahn ist aber noch immer da.

Aber so ganz hab’ ich das mit dem Geweih aufhängen nach wie vor nicht verstanden. Also bei N. schon. Aber bei den Jägern nicht so. Zugegeben, mein Verhältnis zu dieser Spezies ist ein eher schwieriges. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich hab’ auch nichts gegen Fleischessen. Tu ich ja selber. Mit Genuss. Aber muss ich mir gleich die Überreste meiner Mahlzeit an die Wand hängen? Auch wenn ich so mutig und toll war und das Tier selbst erlegt habe. Wenn ich ein Schnitzel gegessen habe, nagel ich ja auch nicht die Schweinsklauen an die Wand. Wobei, ich wahr noch nie bei einem Fleischhacker zu Hause.

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