Die alte Dame und das Gerüst

Wenn bei jemanden das Wohnhaus seit ziemlich genau einem Jahr eingerüstet ist, dann lernt man einige Dinge. Zum Beispiel, dass man darauf achtet auch wirklich vollständig bekleidet zu sein, bevor man die Rollos im Schlafzimmer hochzieht. Oder dass man keinesfalls irgendein Fenster gekippt lässt. Oder dass es vollkommen sinnlos ist, irgendetwas am Fenterbrett ziehen zu wollen.

Im Gegenzug zu einem ständig währenden Unsicherheitsgefühl, weil’s ja für Menschen mit wenig Verständnis für fremde Besitztümer doch unglaublich leicht wäre an eben diese – in diesem Fall meine -zu kommen, und der eingeschränkten Sonnenzufuhr, lernt man viele neue Menschen kennen. Bauarbeiter, um genau zu sein, die es sich nicht zur Lebensaufgabe gemacht zu haben scheinen, mich um dreiviertel Sieben mittels laut ratterndem Materiallift aus dem Schlaf zu reißen. Und die schon ganz fleißig am Gerüst auf und abkraxeln sind, während W. und ich noch halbverschlafen an unseren Frühstücksbroten mümmeln.

Wen man normalerweise nicht am Gerüst herumturnen sieht, sind die Nachbarn. Warum sollten sie auch. Gibt ja ein schön breites Stiegenhaus im inneren des Gebäudes. Deshalb hab’ ich die Person, die vor Kurzem bei unserem Wohnzimmer vorbei gewackelt ist auch nicht gleich erkannt. Zugegeben, für einen Bauarbeiter war die Person wenig agil. Und auch die geblümte Kittelschürze gehört ja eigentlich nicht zum normalen Bauarbeiter-Outfit. Aber erst wie sie direkt beim Fenster vorbeigegangen ist, hab’ ich registriert, wer das war. Unsere Nachbarin. Die mit dem schlimmen Bein. Die, die sicher schon 80 ist. “Oh, nein. Hoffentlich ist die jetzt nicht senil und weiß nicht mehr wer sie ist und was sie macht”, entkam es mir. Zugegeben, nicht sehr sensibel, aber was soll man denn davon halten, wenn eine alte Dame beschließt aus dem Fenster im dritten Stock zu klettern und ein Runde auf dem Baugerüst spazieren zu gehen?

W. ist dann eh schon zur Arbeit aufgebrochen und das Rätsel hat sich gelöst. Nein, die Gute ist nicht verwirrt. Die weiß genau, was sie tut. Nämlich aus dem Container weggeschmissene Holzpfosten fladern. Die hat sie dann unter der Baustellenabsperrung durchgeschoben und anschließend in ihr Auto verfrachtet. Ist ja schließlich noch gut zum Heizen, so ein ausgetrockneter Dachstuhl. Die Frage ist nur, ist ihre leicht kriminelle Energie erst mit dem Alter gekommen, oder war die schon immer da?

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