Ziehharmonische Zwangsbeschallung

Wie lassen sich anstrengende Arbeitstage in knapp 30 Grad heißen Büros am besten ausklingen? Genau. Im Schatten. Mit einem Glaserl Wein. Genau das haben L. und ich am ungefähr heißesten Tag der heißesten Woche des Jahres gemacht. Gemütlich war’s. Ruhig. Und dann sind sie gekommen. Die Straßenmusiker. Weil Sommerzeit ist Schanigartenzeit. Und Schanigartenzeit ist Schanigarten-Musikerzeit. Zugegeben, die waren nicht so schlecht. Also zumindest haben sie die Töne getroffen. Meistens. Und so ein bisserl eine musikalische Umrahmung zum After-Work Damenspitz ist ja schon nett. Wenn’s nur nit so laut wär’. Ich schrei mein Gegenüber halt so ungern an. In einer normalen Unterhaltung.

Das Gute an den herumziehenden Musikanten ist dann aber auch, dass sie genau das tun. Herumziehen. Sprich, nach einer Viertelstunde sind sie wieder weg. Nachdem sie mit einem immer irgendwie zerkaut ausschauenden Pappbecher zwischen den Tischen herumgegangen sind.

L. und ich hatten uns gerade wieder daran gewöhnt, dass wir in normaler Lautstärke miteinander reden kommen, da haben wir es wieder gehört. Das unheilversprechende Quietschen einer Ziehharmonika, dem liebsten Marterinstrument des herumlatschenden Musikvolkes. “Sind die wieder zurück?”, wollte L. wissen. Nein, waren sie nicht. Weil die ersten waren zu dritt. Diese nur zu zweit. Außerdem hatte einer so kleine Tschinellen. Die hatten die vorher nicht. Und schon ging’s wieder los mit dem Gedudel. Was mich aber wirklich erstaunt hat, war die dritte Gruppe die etwa 20 Minuten nach der zweiten ihren Auftritt hatte. Ich mein, reden die sich nicht zusammen? Ich bin ja immer davon ausgegangen, dass es den großen geheimen Straßendudler-Treffpunkt gibt, an dem sich alle zusammenfinden. Dann werden die Spielorte und Zeiten verteilt. Würde ja auch Sinn machen. Weil drei Gruppen innerhalb von einer Stunde ist ja nur bedingt clever. Da sitzt bis zu einem gewissen Teil einfach noch das gleiche Publikum da. Und will nicht noch einmal zahlen. Vor allem weil’s schon die leicht-genervt Phase verlassen hat und in die komm-mir-nicht-zu-nahe-oder-ich-tu-dir-weh Phase übergegangen ist.

Vom musikalisch interessierten Standpunkt hatten die eng aufeinander folgenden Auftritte den Vorteil des direkten Vergleichs. Weil es gibt auch nur etwa vier Stücke die Schanigarten-Musikanten (oder die, die einen in den Parks beglücken- Wann ist wieder Winter?) immer spielen. Egal in welcher Besetzung. Ob klassisch Ziehharmonika mit Begleitung aus dem CD-Player oder ein fancy Trio mit kleiner Trommel, Sängerin und ja, Ziehharmonika. Die Lieder werden sicher auch bei den Treffpunkten ausgeteilt. Die üben sie auch nicht. Wie man hört.

Und hier die Top vier der vier Lieder, die von Mai bis Oktober in der Möbiusschleife zu hören sind (plus, wie sie wirklich klingen sollten):

Second Waltz – Schostakowitsch
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Besame mucho
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La vie en rose
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Those were the days
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One thought on “Ziehharmonische Zwangsbeschallung

  1. Da es so etwas wie herumziehende Musikanten bei uns ja gar nicht gibt, (Nur ab und an pflanzt sich einer mitten in die Fußgängerzone) geschweige denn ein Wetter bei dem man sich unbeschadet (also trocken) für mehr als 10 Minuten draußen hinhocken könnte, vermisse ich die doch ein bisschen. Das ist mir jetzt bewusst geworden. Verrückt, oder? 🙂

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