Auf Reisen mit Maxwell Sim

Wenn ich ein Buch empfehle, dann will ich das uneingeschränkt tun können. Deshalb dauert es manchmal ein bisserl länger, bis wieder etwas Neues hier kommt. Nicht so dieses Frühjahr. Nach der Grahams reisender Tante kommt auch schon der nächste Buchtipp. Die unglaubliche Einsamkeit des Maxwell Sim (hab’s auf Deutsch gekriegt, Original The terrrible privacy of Maxwell Sim) vom Briten Jonathan Coe hat mich einfach umgehauen. Es hat unglaublich lustige Stellen, bei denen ich echt auflachen musste. Lachen, wie in laut und nicht still vor sich hinschmunzeln. Es ist manchmal wunderschön traurig. Es regt zum Nachdenken an und last but not least es ist herrlich zu lesen. Auch in der Übersetzung.

Worum’s geht: Maxwell Sim ist 48 und wurde vor sechs Monaten von seiner Frau samt Tochter verlassen. Das hat ihn so aus der Bahn geworfen, dass er erst einmal nicht mehr arbeiten konnte. Er hat seine Zeit mehr oder weniger ausschließlich in seinen eigenen vier Wänden verbracht. Sein einziger Kontakt zu anderen Menschen lief übers Internet. Er hat über 70 Facebook-Freunde, aber niemanden, mit dem er persönlich sprechen kann – über seine Probleme, seine Ängste, irgendwas.

Bevor sie ihn verlassen hat, hat ihm seine Frau ein Flugticket nach Sidney geschenkt – dort lebt sein Vater. Es ist für genau sechs Monate nach dem Eheende gebucht. Weil er das Ticket nicht verfallen lassen will, fliegt Maxwell zu seinem Vater, obwohl er weiß, dass der Besuch alles andere als toll wird. Mit seinem Vater hat er sich noch nie verstanden. Und die Zeit mit seinem Vater ist genau so, wie er befürchtet hat: die zwei sind echt gut darin nicht mit einander zu reden. An seinem letzten Abend beobachtet er in einem Restaurant eine Frau und ihre Tochter. Die zwei haben ein inniges Verhältnis, nehmen ihre Umgebung gar nicht war. Da wird Max bewusst, was ihm alles in seinem Leben fehlt. Zurück in England fühlt er sich endlich bereit, aus dem großen schwarzen Loch herauszukriechen. Zufällig besucht ihn ein alter Freund, der ihm einen neuen Job anbietet. Er soll Holzzahnbürsten auf den Shetlands verkaufen. Max sagt zu und mit einem niegelnagelneuen Prius macht er sich auf von Watford zum nördlichsten Punkt Großbritanniens. Und was er auf dem Weg erlebt, seine Begegnungen sind einfach wunderherrlich beschrieben.

Ich hab von Coe bereits Der Regen bevor er fällt gelesen. Hat mir auch sehr gut gefallen. (Nur ganz kurz: Rosamond hat auf Tonbandaufzeichnungen der jungen Imogen, der blinden Tochter ihrer Cousine Beatrix, sozusagen ihre Lebensgeschichte erzählt.) Allerdings ist der Roman von einer ganz besonderen melancholischen Grundstimmung getragen. Und oft einfach nur unglaublich traurig. Am Ende ist man tief berührt. Kann ich auch nur empfehlen zu lesen. Die unglaubliche Einsamkeit ist da ganz anders. Positiver würde ich fast sagen. Jedenfalls hab ich es mit einem Lächeln zu gemacht. Also: Bitte lesen.

 

 

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