Ab durch die Hecke

“Wenn ich zuhause bin, fühle ich mich eigentlich immer so, als wäre ich noch 16”, meint N. Oder 8, füge ich hinzu. Oder sagen wir irgendwas zwischen 8 und 16. Zuhause ist natürlich nicht unsere jeweiligen Wohnungen in der Hauptstadt. Zuhause, also eigentlich zaus zaus, oder daham daham ist immer noch das Elternhaus (die Heimatfront also). In das wir, laut diesen viel zu selten zurückkehren. Dass man mit sagen wir einmal grob 30 es vielleicht geschafft hat, sich wo anders ein eigenes Leben aufzubauen, wird nicht immer gern gesehen. Legendär ist nach wie vor das absolute Entsetzen, mit dem W.s Mutter reagiert hat, als er bei einem Heimatbesuch einmal gemeint hat: “Und am Sonntag um sechs fahr ich dann wieder nach Hause.” Dass damit Wien und nicht der mediterrane Süden gemeint war, war schier unverzeihlich. Schließlich lebt der Bua ja erst sechs Jahre dort. Das ist kein Zuhause.

Nun ja, abgesehen von dem von manchen mehr, von manchen weniger vermittelten Gefühl, dass man ja eigentlich eh viel zu selten da ist, isses zaus eh schön. Trotz und wegen dem Wieder-Kindsein. Trotz, weil es echt schwierig ist, zu akzeptieren, dass die Eltern nicht so wirklich glauben, dass man alleine überlebensfähig ist. Und einem nach 12 Jahren Führerscheinbesitz noch immer sagen: “So, jetzt blinken und langsam vom Gas weggehen. Runterschalten. Schulterblick nicht vergessen.” Oder einem vollkommen verduzt anschauen, weil man weiß, wie lange die Nudel kochen müssen, bis sie al dente sind. So als ob man sich nicht seine gesamte Studienzeit fast ausschließlich von Pasta mit irgendeinem selbst zusammengemixten Sugo ernährt hätte.

Wegen, weil es echt super ist, von der Mama verköstigt zu werden. Weil man sich dann Erdäpfelpuffer oder Fleischknödel oder gefülltes Gemüse wünschen kann. Sachen, die man sich nie selber kochen würde. Meistens weil’s zu viel Arbeit ist. Auch wenn N. nach einer Woche mit Mama’s Kochkünsten gemeint hat: “Ich muss echt wieder fahren. Ich kann einfach nichts mehr essen.” Drei Portionen Schweinsbraten sind ja ok, aber die vierte ist tödlich.

Und auch wegen, weil es die Mama noch immer schafft einen so zu loben, als ob man gerade etwas wirklich Großartiges geschafft hat. Wie das Problem des Welthungers gelöst zu haben. Oder den Nobelpreis für Physik abgestaubt zu haben. Oder ein Heilmittel für eh alles entdeckt zu haben. Ich habe die unglaubliche Heldentat vollbracht und die Hecke geschnitten.

Das war immer Papa-Arbeit. Doch bekannter Maßen ist das Leben nicht fair und endet für manche unerwartet. Und immer zu früh. So wird dann die Papa-Arbeit zur Tochter-Arbeit. Mein Vater war ein I-Tüpferl-Reiter. Und genauso hat die Thujenhecke dann auch immer ausgeschaut. Furchtbar genau, furchtbar gerade, furchtbar exakt. Und drei Meter hoch. Weil, nach 30 Jahren allein am Hügel haben es andere Menschen gewagt dahin zu bauen. Is ja so idyllisch. Gut, seitdem nicht mehr, aber was soll’s. Deshalb: die Hecke. Wie genau mein Vater, der gute sechs Zentimeter kleiner war als ich, es jemals geschafft hat, das Ding ohne Leiter zu schneiden, wird eines der Rätsel der Menschheit bleiben.

Als ich mich an die Hecke machte (Vielleicht sollte ich erwähnen: ich hasse Thujen. Immer schon. Wir hatten immer Thujen. Meinen Gefühlen wurde in diesem Zusammenhang wenig Beachtung geschenkt), wollte ich die Hecke erstens um ein gutes Stück niedriger machen (zwei Meter sind langfristig angepeilt) und zweitens halbwegs grade belassen. Damit ich irgendwie oben rauf kam, hat mir dort wo es abschüssig ist meine Frau Mama geholfen. Mit Stehleiter. Da muss das Ding gehalten werden. Und teilweise mit Pflöcken unterlegt werden. Sowohl W. als auch mein Herr Papa hätten einen Anfall bekommen, hätten sie die Konstruktion gesehen. Hat aber erstaunlich gut funktioniert so.

Wir haben rasend viel Hecke. Schließlich haben wir rasend viel Garten. Am Abend hab ich dann meine Arme nicht mehr heben können. Und ich hab nicht einmal alles geschafft. Das Resultat von meiner tageslangen Bemühung: Eine Thujenhecke, die ausschaut, als ob eine Herde Rotwild sie angenagt hätte. Seitlich mit ein paar überraschenden Wellen, oben mit einigen abrupten Kanten. Ich hab die Unregelmäßigkeiten ja gesehen. Aber je mehr ich versucht habe, die auszubügeln, desto schlimmer ist es geworden. Ich bin schlussendlich sehr skeptisch von meinem Werk gestanden. Meine Mama neben mir: “Ja super. Das hast du gut gemacht. Spitze.” Ich: “Mama, das ist krautschief. Und hat Löcher.” Sie: “Das wächst sich aus.” Ich: “Das schaut furchtbar aus.” Sie: “Also du hast ja zum ersten Mal eine Heckenschere in der Hand gehabt. Dafür ist das super. Das passt schon so.” Irgendwie hab ich das Gefühl sowas Ähnliches hat sie auch früher immer gesagt. Wenn ich was gebastelt habe. Oder für die Schule etwas handarbeiten musste. Oder sämtliche mir bekannten Weihnachtslieder im meiner ganz eigenen Interpretation mit der Blockflöte vorgetragen habe. Ganz ehrlich, so mancher Chef sollte bei meiner Mama einmal ein paar Stunden in Mitarbeiter-Motivation machen. Lob funktioniert echt super. Wenn’s von Herzen kommt. Auch wenn der andere weiß, dass sein Ergebnis nicht ganz so übersuper ist.

 

 

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