Todesengel

Ich kenne mich mit Vererbungslehre und Genetik ja nicht so gut aus. Ich kann nur ganz schnöde empirisch belegen, dass ich etwa die Gesichtsform von meiner Mama vererbt gekriegt habe. Und möglicherweise auch ihren Hang dazu, nicht immer wirklich leise zu sprechen. Hört einen dann ja auch keiner. Was ich eindeutig nicht von ihr weitervererbt bekommen habe, ist ihr Grüner Daumen. Meine Frau Mama kann von irgendeinem seltsamen Gewächs ein Stückchen abbrechen und in die Erde stecken und drei Monate später hat sie eine prächtig gedeihende Pflanze. Ich habe mehr so den gegenteiligen Effekt. Eine Pflanze spürt meine Nähe, lässt alle Blüten abfallen und alle Blätter hängen und begibt sich in eine bessere Welt. Eine, in der ich nicht bin. Ich bin ein pflanzentechnischer Todesengel.

Beweise? Für mein erstes eigenes Büro bekam ich vom lieben W. eine Orchidee. Superhübsch. In Violett. Und angeblich total pflegeleicht. Sie stand in voller Blüte. Ich nahm sie mit. Nach einer Woche hat sie auch die letzte dieser zarten Köpfchen abgeworfen. Einen Monat später war sie endgültig tot. Habt ihr gewusst, dass es einer Orchidee echt nicht taugt, wenn sie zwei Tage im Wasser stehen gelassen wird?

Ebenso fürs Büro gab’s ein Usambaraveilchen von der Tante. Eines muss man dem Ding lassen. Zäh isses. Zwar waren binnen weniger Tage sämtliche Blüten verdorrt. Dann hab ich’s gegossen. Dann hat’s faulen begonnen. Und seitdem pflegen wir ein nettes Hin und Her zwischen totaler Austrocknung – was seltsam braune Blätter mit sich bringt – und Überschwemmung – was einen merkwürdigen Geruch mit sich bringt. Inzwischen erträgt ein zweites Usambaraveilchen das selbe Schicksal.

Aber nicht nur unzählige Blühpflanzen habe ich über die Jahre auf dem Gewissen (Gerbera, anyone?). Ich konnte auch schon einen Kaktus in den Tod treiben. Und die sind ja angeblich wirklich unkaputtbar. Wüste und so.

Dabei bemühe ich mich wirklich. Ich liebe Pflanzen ja. Ich denke nur meist nicht dran, sie zu gießen. Ich sehe sie und überlege mir: “Hach, der sollt ich Wasser geben!” Und eine Woche später dann, wenn alles hängt, fällt mir wieder ein: “Gießen! Mist!” Und dann gieße ich halt einmal eine Weile. Da ich mich aber nicht erinnere, wann ich das das letzte Mal gemacht habe, kann es schon passieren, dass eine Pflanze jeden Tag Wasser abbekommt. Und dann geht das Glumps auch ein.

Unsere Wohnung ist allerdings sehr pflanzenreich. Die fallen auch alle in W.s Verantwortungsbereich. Kürzlich war er eine Woche nicht da. Die Folge? Ein Todesopfer. Name: Gerbera. Alter: Ein Monat. Todesursache: starke Trockenheit gefolgt von Monsunregen. Ich wasche meine Hände übrigens inzwischen in Unschuld. Er weiß, dass ich alles Grüne umbringe. Ich kann nicht anders. Im Umkehrschluss ist also er Schuld. Gut, die Knie-OP war notwendig. Aber so lange hätte er auch nicht wegbleiben müssen. Jetzt muss er halt mit der Schuld leben. Isso.

 

Gerbera im Todeskampf. Im Hintergrund Rabe Edgar.
Gerbera im Todeskampf. Im Hintergrund Rabe Edgar.

 

 

 

Last Modified on March 8, 2013
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