Zuviel wird verschwiegen

Wie ist es eigentlich möglich, dass Montage immer schwierig sind? Also auch wenn sie eigentlich Dienstage wären. Und um jetzt nicht komplett gaga zu klingen (oder vielleicht macht das das jetzt noch schlimmer): Hatten gestern Redaktionsschluss, was bedeutet, der Sonntag war eigentlich mein Montag. Das bedeutet, dieser Montag ist eigentlich schon ein Dienstag, weil ja kein tatsächlicher Arbeitswochenbeginn. Und trotzdem. Es ist das volle Montagsfeeling. Oder vielleicht bin ich einfach nur müde. Und das graue Wetter hilft jetzt grad echt auch nicht. Wobei, ich muss ja gestehen zurzeit freu ich mich eigentlich fast, wenn es regnet oder zumindest so ausschaut als ob es gleich losschüttet. Dann kann ich nicht mit dem Rad fahren sondern muss die U-Bahn nehmen. Und jetzt nicht aus reiner Bequemlichkeit. Denn ich freue mich eigentlich immer wirklich auf die Eröffnung meiner ganz persönlichen Fahrradsaison. Abgesehen davon, dass einem das schon auch guttut, so fitnesstechnisch, ist es einfach total nett in der Früh den Donaukanal mit all seinen grünen und blühenden Sträuchern und Bäumen entlangzufahren. Und im Sommer ist es super, weil am Radl schwitz ich wenigstens alleine und nicht in der großen Gruppe. Am besten eng aneinander gekuschelt.

Na jedenfalls der Nachteil am Radln ist, dass ich mit meiner Lektüre oft nicht wirklich weiterkomm. Denn die U-Bahnfahrzeit ist für mich auch immer eine wichtige Lesezeit. Öffis fahren ohne Buch und/oder Stöpsel für die musikalische Berieselung in den Ohren finde ich schwierig. Und diese Lesezeit-Beschneidung tut momentan wirklich weh, weil ich gerade ein großartiges Buch angefangen habe. Eines, für das ich mir wünsche, dass ich nicht mit dem Rad fahren kann. Ja, so gut ist es. Normalerweise kommen meine Buchempfehlungen ja immer nach Beendigung der Lektüre. Aber diesmal preise ich das Werk schon früher an. Auf Seite 132 von 351. Ja, so gut ist es. Wovon die Rede ist? Das Verschwiegene von Linn Ullmann. Worum es geht? Drei Buben finden im Wald nahe einer norwegischen Küstenstadt die Leiche eines Mädchens. Die damals 19jährige Mille ist vor zwei Jahren bei der Geburtstagsfeier zum 75er der Buchhändlerin Jenny Brodal verschwunden. Ullmann erzählt nun von den Ereignissen von vor zwei Jahren. Von Jenny Brodal, die nach 20 Jahren Abstinenz an diesem Abend wieder zu trinken begonnen hat. Von ihrer Tochter Siri, die das Fest gegen ihren Willen organisiert hat. Von deren Mann Jon, einem Schriftsteller, der endlich sein Buch fertig kriegen muss. Von ihrer Ehe. Von ihren Töchtern Alma und Liv und dem Kindermädchen Mille. Die Erzählperspektiven wechseln dabei praktisch von Kapitel zu Kapitel. So werden Ereignisse oft von verschiedenen Personen erzählt und man bekommt einen guten Einblick in das Seelenleben der Protagonisten. Das Ganze ist dann auch kein Krimi sondern vielmehr ein Familien-Roman im besten Sinn oder meinetwegen auch eine Art Psychogramm. Auf jeden Fall ist es mitreißend geschrieben. Die Sprache, die Erzählstimme wechselt auch je nach Person und man hat das Gefühl, wirklich dabei zu sein, alles hautnah mitzuerleben. Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass die nächsten rund 200 Seiten vom Buch auch so gut sind und sag jetzt einfach einmal: Bitte lesen.

Ullmann_Das Verschwiegene

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