Bergluftlust

Ich würde ja echt gerne von mir behaupten, dass ich die Größe habe Fehler oder Fehleinschätzungen oder auch später korrigierte Ansichten einfach so zugeben zu können. Kann ich aber nicht. Ich klammere mich meistens bis zum bitteren Ende an meine Ursprungsversion. Nur in wirklich harten Fällen kann ich hin und wieder dann doch Einsicht zeigen. Ja, kein schöner Charakterzug, aber hey, ansonsten bin ich total liebenswert. Anders gesehen sind Eingeständnisse dann umso markanter, oder? Na, jedenfalls wird es jetzt wohl einmal wirklich Zeit für ein solches. Hört schon jemand meine Zähne knirschen?

Gut, hier kommt’s: Ich mag Bergwandern. Jetzt ganz offiziell und schriftlich. Ich find’s super, mich da x Höhenmeter raufzuquälen nur damit ich oben stehen kann, die Aussicht genießen und sagen kann: Ich hab’s geschafft. Die Landschaft ist egal wo, immer nur eine Wucht – egal ob Kalkstein oder satte Almwiesen, klare Bergseen oder Schneefelder. Ich bin unglaublich stolz auf mich, wenn ich ein etwas haarigeres Stück überstanden hab. Die Matratzenlager auf einer Mehr-Tagestour machen mir nichts aus. Also fast. Denn nach vier Nächten mit Kampfschnarchern im Zimmer gehe ich immer etwas am emotionalen Zahnfleisch. Aber wenn das nicht wäre, was aber leider ist, weil immer einer schnarcht -wobei, vielleicht nicht ganz so dezibellastig, dann ist es nicht so schlimm -also dann würden mir die Matratzenlager gar nichts ausmachen. Und meine Höhenangst ist inzwischen auch am Rückzug.

Die Veränderung kam schleichend. Mein Unsportlichkeit wurde bis vor ein paar Jahren ja nur von Benjamin Blümchen übertroffen. Dann kam W. und wollte Sachen machen. Lange hab’ ich mich gewehrt. Die erste Bergtour war eine Katastrophe. Am Jägersteig am Dobratsch dachte ich, ich muss sterben. Erstens weil der Pfad so schmal und steil war. Zweitens weil ich nach einer halben Stunde einem Schlaganfall nahe war. Doch irgendwann war Sachen machen eh nett und inzwischen will ich sogar selbst Sachen machen. Etwa ein Besuch im Hochseilgarten. Der war eigentlich ein Geschenk an den lieben W. Und bis er bei einer Station etwas blass um die Nase geworden ist, hat’s ihm, glaub ich, auch Spaß gemacht. Dabei war ich diejenige, die sich verhaspelt hat und dann in zehn Meter Höhe an den Sicherungsseilen gehangen ist, während sich unter ihr eine Menschenmasse versammelt hat. Klettermeister Franz hat dann via Pep-Talk vom Boden aus helfen wollen: “Komm schon, zieh dich hoch!” – Ich: “Ich hab keine Kraft. Ich kann mein eigenes Gewicht nicht hochziehen.” Er: “Nur ruhig. Du schaffst das.” Ich…Aber ich denke, ihr versteht was ich meine. Ich hab ja schon die Feuerwehr anrücken sehen, um mich aus den Seilen zu befreien. Wenn schon Erniedrigung, dann richtig. Aber dann ist es doch irgendwie gegangen und ich hab mich hochgewuchtet. Allerdings finde ich noch heute, über eine Woche später, blaue Flecken, bei denen ich mir denke: “Jö, wie ist denn das gegangen?” Aber für einen ordentlichen Endorphin-Ausstoß kann ich so einen Hochseilgarten echt nur empfehlen. Nach ein paar Flying Foxes geht man wie auf Wolken. (Das könnte jetzt von gewissen Menschen falsch verstanden werden. Mir reicht sonst tatsächlich ein FF.)

Wie ich auf das Ganze jetzt komme? Vergangenen Samstag waren wir wieder am Jägersteig am Dobratsch. Ich bin freiwillig am Samstag um sieben auf, um auf einen Berg zu hatschen. Punkt eins. Es hat sich nicht gefährlich angefühlt da raufzulatschen. Punkt zwei. Ich bin zum Nebengipfel hinübergegangen, auf dem Weg, den ich vor zehn Jahren nicht unter Todesdrohung überwunden hätte. Punkt drei. Es war nicht anstrengend. Punkt vier. Was soll ich sagen, der liebe W. hat mich soweit. Aber eines möchte ich doch noch anmerken: Wenn ich schon so großmütig bin und ihm einmal Recht gebe – also quasi. Im Prinzip hab ich ihm nur obrige Punkte mit Betonung auf Numero vier aufgezählt. Aber bitte, der Mann hat einen Doktor-Titel, soll er sich das doch selbst zusammenreimen. – Jedenfalls, wenn der Großmut mich überkommt, könnte man das auch großmütig annehmen. Und nicht mit Sätzen á la “Ja, siehst. Es ist schon sinnvoll, wenn man etwas für seinen Körper tut.” kontern. Bitte! Danke!

 

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