Innere Angelegenheiten

Jeder kennt ihn, den Inneren Schweinehund. Er sitzt gern am Sofa, ein Buch und eine Tasse Tee in den Pfoten oder die momentane Lieblingsserie schaubereit hergerichtet (also zumindest bei mir) und meint: “Ach komm schon, du bist eh müde und fertig und hast so überhaupt keine Lust irgendwas anderes zu machen als Extremcouching.” Begleitet wird er auch gerne vom Prokrastinator, der bei mir vor allem in der Form putzensis vorkommt. Schon mein Studentenheimzimmer war nie so sauber und aufgeräumt, wie in der Lernzeit. Weil, ich kann ja nicht lernen, wenn es unordentlich oder gar schmutzig ist. Oft hat dann nur mehr der Weg in die Bibliothek geholfen. Nachdem ich die Bücher neu geordnet hatte aber bevor ich meinen Kleiderschrank einer Inventur mit anschließender Neuorganisation unterzogen hatte. In einer Wohnung ist da natürlich viel mehr Auswahl. Bei einer Deadline habe ich die Küchenkastln geputzt – inklusive oben abwischen. Bei einer anderen sämtliche Türen, natürlich mit den Türstöcken, gereinigt. Mit Kristallsoda übrigens. Danke an H. für den Tipp. Und ja, wir sind alt, wenn wir uns Putztipps geben.

Unterm Strich kann ich sagen: Ich kann erst so richtig produktiv arbeiten, wenn mir das Wasser schon mindestens bis zur Nase steht. Davor finde ich immer, wirklich immer irgendetwas anderes, das ich noch tun kann, bevor ich die Arbeit erledige, die ich tatsächlich zu machen habe. Und die btw dann auch die Miete bezahlt. Und das Essen. Und die neuen Schuhe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diese zwei treuen Begleiter meines Alltags haben jetzt aber Gesellschaft bekommen. Und ich bin wirklich erschocken, denn ich hätte nie gedacht, dass ich dafür anfällig bin. Aber die Symptome sind leider eindeutig, ich habe einen  – einstweilen noch leichten – Fall von ambitio interna auch bekannt unter Innerem Ehrgeiz. Und was noch schlimmer ist, es handelt sich um die Form sportensis. Ja, Schweine müssen jetzt fliegen können, die Hölle ist zumindest teilweise bereit für ein Eishockey-Match, das Gras ist blau, der Himmel grün. Vergangene Woche fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe sportlichen Ehrgeiz entwickelt. Bitte, gibt es da eine Selbsthilfegruppe? Ich möchte in einem grindigen Gemeindesaal im Sesselkreis sitzen und besserungsbereit sagen können: “Hallo, meine Name ist Helena und ich leide an ambitio interna.” Nein, möchte ich eigentlich nicht. Ich würde wahrscheinlich nach fünf Minuten des Geseieres der anderen aufspringen, mir noch ein Stück Schokokuchen schnappen (Die hätten dort sicher Schokokuchen, sind ja nicht die Weight Watchers. Wobei, die Weight Watchers wahrscheinlich auch Schokokuchen haben. Aber der hat wahrscheinlich so viele Punkte, dass du dann die restliche Woche gar nichts mehr essen darfst. Und so wollen sie den Willen der Watcher testen. Oder so.) und unter einem lauten “Ach, leckt’s mich doch alle am Aschermittwoch!” hinausstürmen.

Wie ich auf meine AI-Selbstdiagnose gekommen bin? Am Wochenende war Frauenlauf am Wörthersee. Und obwohl es letztes Jahr dort schon echt elend war weil scheißheiß, war ich dieses Jahr wieder dabei. Der liebe W. ist übrigens noch wahnsinniger. Der versucht sich seit vier Jahren oder so am Halbmarathon dort, obwohl er weiß, dass es immer, wirklich immer mindestens 30 Grad haben wird und die Strecke praktisch schattenfrei ist. Aber seine AI ist ja auch die sportensis x delirus. Na jedenfalls, lauf ich da so lustig los und weil ich denke, ich bin zu langsam, werde ich zu schnell. Was mir dann bei Kilometer 1 auffällt, weil ich auf einmal 15 Sekunden schneller als geplant bin. Bei Kilometer 2 fangt sich das dann zu rächen an. Und irgendwann vorm dreier ist mir derartig schlecht, dass ich nur noch dran denke, den Leuten nicht vor die Füße zu reihern. Und sobald dann keine Leute mehr stehen, muss ich gehen. Und das fast fünf Minuten lang. Den letzten Kilometer oder so bin ich naturalmente wieder gelaufen. Da sind ja auch Leute gestanden und ich hab schließlich auch meinen Stolz. Zuerst hab ich mich noch gefreut, dass ich trotz allem eine halbwegs gute Zeit zusammengebracht habe und schneller war als letztes Jahr. Bis ich dann im Netz nachgeschaut habe und draufgekommen bin, dass ich mich getäuscht habe. Ich war nämlich genau eine Sekunde schneller als letztes Jahr. Die durchschnittliche Kilometerzeit ist exakt jene aus dem letzen Jahr. Könnte ich mir in den Hintern beißen, ich hätte es getan. Weil, ich habe mehr trainiert als die vergangenen Jahre. Ich bin tatsächlich besser drauf. Und dann das. Und da ist es mir aufgefallen: ambitio interna sportensis. Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich damit umgehen werde. Der liebe W. hat natürlich schon einen Plan: Wir müssen wieder mehr auf Länge trainieren. Ich fürchte fast, ich werde ihm recht geben. Die AI, ihr wisst schon.

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