Wiener Wahlverwandtschaften

Mit Schaudern hab ich festgestellt, dass meine letzte Buchempfehlung schon eine Weile her ist. Das liegt jetzt nicht daran, dass ich in den vergangenen Monaten nix gelesen hab. Aber entweder es war nicht sonderlich empfehlenswert oder ich hab’s eh schon quasi vorgestellt. Wie A Song of Ice and Fire, von dem ich jetzt endlich den fünften Teil A Dance with Dragons fertig habe. Also eh schon länger. Aber auch wenn ich mich irrsinnig gerne und mit erstaunlicher Frequenz wiederhole, hab ich das diesmal übersprungen. Na jedenfalls bevor ich in meine aktuelle Was soll ich nur lesen-Phase gerutscht bin, hatte ich ein recht gutes Buch bei der Hand. Wobei, es geht hoffentlich nicht nur mir so, dass man vor dem vollen Bücherregal steht, in dem sich doch einige noch nicht gelesene Bücher befinden, aber man einfach nichts, wirklich nichts zum Lesen findet. Also nicht, dass ich nicht willens gewesen wäre. Ich hab sogar zwei Bücher angefangen. Aber das eine – ach keine Ahnung was das war. Und das andere war geschrieben wie ein Volksschüler-Aufsatz. Elend, ich sag’s euch. Die ganze Buchregalsituation ist ein bisschen so, wie wenn man wieder einmal nichts zum Anziehen findet. Beim unausreichend bestückten Kleiderschrank lande ich dann möglicherweise in der Hemdenabteilung vom lieben W. (Ich hatte gestern tatsächlich nichts, dass in irgendeiner Weise zu meiner schwarzen Hose gepasst hätte, und ich bin mir sicher meine media naranja hat da nichts dagegen. Also wenn er es dann wissen wird.) Bei einem Mangel an verlockenden Büchern greife ich zu bereits gelesenen Werken. Das hat den Vorteil, dass man die Teile, die vielleicht nicht so umwerfend oder spannend waren, einfach überspringen kann. So wie bei Filmen oder Serien, die man schon xmal gesehen hat. Dirty Dancing ist zum Beispiel richtig knackig kurz, wenn man das ganze öde Gequatsche, etwa wenn Johnny was auch immer zu Babys Vater sagt. Also nicht – Nobody puts Baby in a corner – sondern dieser Elendsmonolog davor einmal.

Na jedenfalls, bevor ich in diese ganze Ich hab nix zum Lesen-Misere gerutscht bin, hab ich ein recht gutes Buch erwischt gehabt, dass seit ziemlich genau einem Jahr auf meinem To-Be-Read-Stapel gelegen ist. Die Rede ist von Ruth Cerhas “Zehntelbrüder”. Darin versucht der Wiener DJ Mischa (Minuspunkte für den Namen. Tut leid, den find ich vor lauter schrecklich nur schrecklich. Und dann hab ich immer den Alfred Dorfer in Muttertag vor mir.) sein Leben irgendwie in den Griff zu kriegen. Seine um zehn Jahre ältere Freundin will a) mit ihm Kinder und b) ihn ihren Eltern vorstellen. Das packt der Gute nicht so ganz und die Beziehung steht auf der Kippe. Der Grund, warum Mischa gar so panisch wird, wenn’s um Familie geht, ist, dass er selbst in und mit einer sehr ungewöhnlichen Menschenkonstellation aufgewachsen ist. Die Mutter ist mit 17 schwanger und vom reichen Papa rausgeschmissen worden. Später heiratet sie dann einen geschiedenen Vater zweier Söhne mit dem sie dann auch ein Kind hat. Die Beziehung hält aber nicht und dann kommen noch Freundinnen, Halb/Viertel bis hin zu quasi Zehntelbrüdern dazu. Klingt kompliziert. Ist es auch. Doch das ganze ist ganz wunderbar geschrieben. Die gute Ruth hat nämlich tatsächlich ein Händchen für Sprache und bringt wirklich ganz bezaubernde Formulierungen hervor. Auf der einen Seite lässt sie Mischa die Geschichte seiner Familie erzählen, während das Geschehen in der Gegenwart dazwischen weiterläuft. Das mag dann nicht alles allzu schlüssig sein, aber hey: Es ist gut geschrieben. Das einzige, was mich tatsächlich gestört hat, war das Ende. Also das knapp davor. Es kommt da praktisch zu einem Showdown, wenn die ganze (Wahl)Verwandtschaft in einen Flieger steigt, um den einen, der sie im Stich gelassen hat, mit allerhand aufgestauter Emotionen zu konfrontieren. Das hat ein bisserl so gewirkt, als hätte man in “Howard’s End” zum Schluss eine Automobilverfolungsjagd eingebaut. Also mehr so Faust aufs Aug. Aber drücken wir dies einfach einmal zu und sagen, dass das Buch echt gut war und vor allem die Sprache wunderschön ist. Also bitte, lesen!

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