Bedingt lernfähig

Ich liebe ja Spechte, finde sie ganz toll. Obwohl ich stark an ihrer Intelligenz zweifeln muss. Aus meinem Bürofenster kann ich seit Jahren einen Buntspecht beobachten, der mit einer Hingabe die ihresgleichen sucht, die Styropor-Isolierung des Gebäudes gegenüber mit Löchern dekoriert. Immer wieder fliegen so Styroporkugerln durch die Luft, was vor allem im Sommer auffällt, da es zu dem Zeitpunkt auch in Zeiten des Klimawandels extrem unwahrscheinlich ist, dass es schneit. Zu Ostern war ich an der Heimatfront mit einem Buntspecht konfrontiert, der leidenschaftlich gegen die Metallplatte an der Spitze des Telefonmastens getrommelt hat. Immer und immer wieder. Als ich vergangenes Wochende wieder zu Hause war, saß er erneut (noch immer?) dort. Und trommelte. Die Metallplatte hat inzwischen zwar schon einige Dellen, aber auch noch so heftiges und andauerndes Spechtgetrommle hat kein Loch in die von Menschenhand geschaffene Abdeckungsvorrichtung bohren können. Immer wieder fliegt der Specht weg, womöglich um sich mit ein Paar Würmern aus einem anbohrbaren Baum zu stärken. Aber er kehrt tatsächlich täglich zum Mastgen zurück. Gerne auch um fünf in der Früh, was mich dann wirklich zu stören beginnt.

Aber wie ich den zugegebenermaßen prächtigen, wenn auch blöden, Vogel beobachtet habe, ist mir unweigerlich der Gedanke gekommen, ob ich nicht auch in gewissen Bereichen so bedingt lernfähig bin, wie dieser Specht. Ich denke nämlich schon, dass wir Menschen dazu neigen immer und immer wieder den gleichen Scheiß zu machen. Aus liebgewonnen Verhaltensmustern lässt es sich gar so schwer ausbrechen. Ich für meinen Teil bin eine schreckliche Auf-die-lange-Bank-Schieberin von mir unangenehmen Dingen. Ich kann zum Beispiel einen ganzen Tag ganz wunderbar ein Email ignorieren, von dem ich weiß, dass ich es a) dringend lesen müsste und b) ebenso dringend die darin enthaltene Information weiterverwenden müsste. Trotzdem kann ich es stundenlang nicht aufmachen auch wenn ich beim Anblick der ungeöffneten Nachricht jedes Mal Bauchweh krieg. Genauso selektiv ist meine Lesefähigkeit bei To-Do-Listen, die ich auch mit Leidenschaft führe. Nur wenn halt am Ende des Tages nur die Dinge abgearbeitet sind, die mir angenehm sind, ist sowas halt auch relativ für den Hugo. Richtig schlimm wird es dann, wenn ich schon so knapp an Deadlines bin, dass ich tatsächlich nicht mehr weiß, wie sich das alles ausgehen kann. Oder auch hoffe, dass das Finanzamt das mit den Abgabefristen nicht ganz so genau nimmt. Wie ihr seht, ich bin mir der absurden Situation, in die ich mich mehr oder weniger tagtäglich hineinmanövriere bewusst. Aber ändere ich was daran? Manchmal. Kurzfristig. So wie wahrscheinlich in der diesem Post folgenden Woche. Von wegen selber Spiegel vorhalten und so. Aber im Prinzip bin ich auch nicht besser als der Specht.

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