Alte Wunden

2014-12-27 08.03.58

Die wundheilende Wirkung von Zeit – wie gerne wird sie beschworen. Wobei sie meiner Meinung und Erfahrung nach ein kompletter Blödsinn ist. Eine praktische Floskel, die in unangenehmen Situationen von Menschen verwendet werden kann, die sonst nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Kein Vorwurf. Einfach eine Feststellung. Schließlich müssen wir alle zum einen oder anderen Zeitpunkt auf Floskeln und Stehsätze zurückgreifen.

Was vergehende Zeit schon bewirkt ist eine Veränderung, eine Stabilisierung der Gefühlszustände. Die temporäre Distanz zu traurigen, zu traurig machenden Ereignissen, hilft, sich innerlich zu ordnen. Eine gewisse Stärke zu entwickeln, um mit den Vorkommnissen zurecht zu kommen. Und dann vergehen Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate und man fühlt sich gut und alles ist ok. Und dann steht man in der Kassenschlange im Baumarkt. Und der Mann vor einem hat das Alter vom Papa. Und ist auch etwa einen halben Kopf kleiner als man selber, wie der Papa. Hat eine Halbglatze und einen Schnauzbart, eine ähnliche Brieftasche, die er mit ähnlicher Gestik aus der Gesäßtasche holt. Und dann ist der stechende Schmerz in der Brust wieder da. Und es schnürt einem die Luft ab und die Tränen schießen einem in die Augen. Und die Kassiererin wirft einem besorgte Blicke zu, aber es hilft ja nichts. Weil einem erneut klar wird, dass man nie wieder neben dem Vater in der Kassenschlange vom Baumarkt stehen wird. Oder mit ihm am Frühstückstisch sitzen und gemeinsam Rätsel auflösen. Oder ihm sagen, dass er sich mit dem Kuli doch bitte nicht im Ohr kratzen soll. Oder ihm den Dings, na, du weißt eh, was ich meine, den Dings halt, holen soll. Oder ihm zum Abschied ganz fest drücken, ein Bussi geben und ihm sagen, dass er brav sein soll. Und auf sich aufpassen soll.

Drei Jahre sind vielleicht lang. Aber manche Wunden reißen immer wieder auf und schmerzen wie am ersten Tag. Manche Lücke kann nicht wieder neu besetzt werden. Was bleibt ist die Erinnerung.

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