Senilität hat nichts mit dem Alter zu tun

Der Mensch durchlebt ja verschiedene Zeitalter. Säugling-Sein, Kindheit, Pubertät etc. Bisher habe ich mich brav an die Reihenfolge gehalten. Jetzt aber dürfte ich den Wechsel übersprungen haben und bin gleich senil geworden. Alle Zeichen sprechen dafür. Vor ein paar Tagen im Edeka — Hab ich schon erwähnt, dass alle aus Strasbourg am Wochenende über den Rhein hüpfen und in Kehl einkaufen? Tun sie jedenfalls. Dementsprechend besteht Kehl aus zwei Aldis, einem Edeka und unzähligen DMs, die am Samstag von Horden wildgewordener Franzosen gestürmt werden. Hier machen die Wagerln beim DM auch wirklich Sinn. Die werden nämlich so aufgetürmt wie in Ö die Einkaufswagerln beim Hofer, wenn ein Feiertag ansteht. Da wird richtig eingekauft. Nicht nur ein Duschgel und ein Waschmittel und die Zahnpasta. Nein! Zehn Duschgels, fünfzehn Deos, zwölf Seifen, fünf Packerln Waschmittel, zwanzig Rasierer und genug Klopapier, dass ein kleines Tiroler Bergdorf damit drei Monate auskommt. Im Bereich Hamsterkäufe können wir uns da wirklich was abschauen. Jedenfalls versprüht Kehl dann auch den Charme einer klassischen Industriezone. Da hilft die ganze Fußgängerzone nix. Wir beweisen ja unseren Integrationswillen und kaufen die Lebensmittel auch gerne im billigeren Deutschland. Bevorzugt allerdings unter der Woche, was lockerflockig geht, da die Geschäfte bis acht, neun offen haben. Aber hin und wieder muss es halt schon der Samstag sein. Wenn auch nur aus einem rein soziologischen Aspekt oder auf gut Österreichisch “Leit schaun”. Aber ich schweife ab. Also, vor ein paar Tagen im Edeka, wo wir an der Wursttheke von einer Dame bedient wurden, die so aussah, wie man sich eine deutsche Wurstfachverkäuferin vorstellt. Unglücklicherweise hat sie dann den Prosciutto auch so geschnitten, wie man es sich von einer deutschen Wurstfachverkäuferin vorstellt. Wie gesagt, vor ein paar Tagen beim Edeka bin ich gleich einmal schnurstracks zum Eck mit den frischen Schnittblumen (Ja, ich kaufe meine Blumen auch gerne im Supermarkt. Und ja ich mach das, weil die dort billiger sind als bei den Floristen. Wesentlich billiger. Und nein, ich denke nicht, dass mein Karma darunter leidet.). Während der Göttergatte also überlegt hat, ob Bio-Eier automatisch Freilandeier sind oder ob wir besser normale Freilandeier nehmen, weil da die Hendln vielleicht keinen glücklichen Mais zum Fressen kriegen, dafür aber tatsächlich (?) in der Erde kratzen und die Sonne auf ihrem Gefieder spüren können, bin ich wie eine übermütige Biene nach einem langen Winter von Blüte zu Blüte respektive von abgepacktem Sträußerl zu abgepacktem Sträußerl gewechselt und hab mit mir gerungen, ob ich neben den grün-rosa Rosen auch noch die dunkelrosa Rosen oder lieber die leuchtend gelben Rosen haben will. Ich kann halt nicht ohne frische Blumen sein und hab’ immer einen Strauß am Schreibtisch stehen. Da arbeitet sich’s leichter und im Gegensatz zu Topfpflanzen ist von vornherein klar, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist, es also nicht an mir liegt, wenn sie nach ein paar Tagen traurig aussehen anfangen und mir dementsprechend auch kein schlechtes Gewissen machen, weil ich es wieder einmal geschafft habe, eine angeblich unkaputtbare Pflanze binnen kürzester Zeit in Nachschub für den Kompost zu verwandeln. I’m looking at you, Rosmarin!

Schlussendlich hatte ich mich entschieden (Zweimal Rosa, falls es wen interessiert. Geplant für zwei verschiedene Vasen in zwei Räumen.) und konnte mich auf den weiteren Einkauf konzentrieren. Erst am nächsten Tag beim Frühstück hat’s mich g’rissen: Wo sind die Blumen? Haben wir vergessen die einzufrischen? Die sind dann klar verwelkt. Meine media naranja war verwirrt, weil wir hatten keine Blumen gekauft. Er hatte sich ja auch gewundert, hat er gemeint, weil ich ja soviel Zeit bei den Blumen verbracht hatte aber er hatte da nicht nachfragen wollen und mich zusätzlich traurig machen, weil ich ja offensichtlich keine Blumen gefunden hatte und mich das immer bekümmert. Womöglich hat er deshalb den bunten Wiesensalat mit Blüten (Wie herzig ist das denn? Und schmeckt auch gut!) als Salat der Woche empfohlen. Gut, ein Rätsel gelöst. Was mich jetzt allerdings doch etwas verwirrte: Ich habe zwei Sträuße ausgesucht. Und habe diese auch in ein Wagerl gegeben. Und bin mit diesem Wagerl weitergefahren. Dann hab ich das irgendwo stehen gelassen, weil Avocado-Aussuchen geht nicht so schnell, und bin dann mit meiner Beute zum GG zurückgekehrt, der ein Wagerl hatte, mit dem wir weiter sind. Die etwas beängstigende Erkenntnis: Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich nicht nur die Einkaufswägen mir vollkommen Fremder befülle sondern auch noch damit abhaue. Ich kann nur hoffen, die Person hat sich über die Blumen gefreut (falls sie ihr Wagerl wiedergefunden hat). Die waren echt schön.

Der GG hat daraus gleich eine Geschäftsidee geboren. Professionelle Wagerlbefüllerin. Langsam kann ich mich dafür erwärmen. Ich würde dann den Leuten beim Eingang den Einkaufswagen wegnehmen und basierend auf Kleidung, Gesichtsaudruck, körperliche Verfassung etc. pp. entscheiden, was sie brauchen, Also Nutella für die Sauertöpfischen, schließlich ist es das ultimative comfort food. Den bunten Wiesensalat und genug Gemüse für die mit der ungesunden Gesichtsfarbe. Denn würzigen Käse für die, die Beige tragen, weil einfach niemand Beige tragen sollte und wenn sie das schon machen, sollten sie wenigstens guten Käse essen. Also je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. Ich denke, das kann was werden.

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