Das lange Warten auf den Mußenkuss

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Wenn man sich so durch Forschungsnewsletter liest, stößt man ja immer wieder auf Faszinierendes. Manche sind in ihrer Aussage recht eindeutig, wie “Hunde können menschlichen Blicken folgen”. Andere lassen etwas mehr Spielraum, wie “Fledermäuse düngen tropische Bäume”. Und andere wiederum lassen mich vollkommen im Dunkeln stehen, siehe “Bestätigung von Neutrinooszillationen”. Die einzige Verbindung, die sich hier in meinem Hirn aufbaut, ist von unserem Physiklehrer, der und den “Oszi”, wie er den “Oszillator” liebevoll nannte, gezeigt hat. Das war irgendso ein Kastl, an dem er wie blöd gekurbelt hat. Und dann hätten wir auf einem Bildschirm “Oszillationen” sehen sollen. Was soll ich sagen: Die Physik ist nach wie vor ein Faraday’scher Käfig für mich.

Spannend sind natürlich auch Entdeckungen, die von praktischem Nutzen sein können wie jene des Löwenzahnkautschuks. Forscher haben herausgefunden, dass man aus der Latexmilch des russischen Löwenzahns super Kautschuk machen kann. Das soll die Kautschukbäume entlasten. Der russische Löwenzahn kann scheinbar auch ganz locker in Mitteleuropa angebaut werden. Und so schön ich die (Er)Findung einer Alternative auch finde, haben wir uns schon überlegt, dass wir damit wiedermal einen Neophyten “kreieren” und nicht wirklich sagen können, was in weiterer Folge dabei rauskommt? Weil bekanntermaßen bleiben die Samen von so Pflanzen nicht auf das Feld, auf das sie ausgetragen werden beschränkt. Genausowenig wie Insekten in dem Glashaus bleiben, in das man sie gesteckt hat. Asiatischer Marienkäfer, anybody? Aber lassen wir das. Weil eigentlich geht es um was ganz anderes. Wissenschaftler und ihre Entdeckungen, nämlich. So haben Hirnforscher scheinbar auch entdeckt, dass Langeweile ganz super sein soll. Für das Gehirn. Wir sprechen hier jetzt nicht von einem ständigen Angeödet sein. Vielmehr nutzt das Hirn gelegentliche Leerläufe offensichtlich, um Erlerntes und Erlebtes zu verarbeiten, kreative Prozesse in Gang zu setzen, das autobiographische Gedächtnis zu befüllen oder auch an der Selbsterkenntnis zu arbeiten. Wenn wir einmal genau nix tun, dann werden gewisse Areale des Hirns ganz wuschig und werkeln wie die Doozers in den Höhlen von Fraggle Rock. Genau diese Nervenareale haben aber Pause, wenn wir unser Hirn dann wirklich beschäftigen. Jetzt heißt “dem Hirn Ruhe gönnen” aber nicht automatisch, dass man nur dasitzt und ins Leere starrt. Monotone Tätigkeiten sollen ihre Wirkung auch nicht verfehlen. Bei einem Telefonat mit meiner Schwester – mit dem ich mich ehrlicherweise von der stupiden Aufgabe des Rechnungensortierens ablenken wollte – hat sie mir auf meine Jammerlitanei hin erklärt, dass das jetzt auch ganz super für mein Hirn sein soll. Das Sortieren, nicht das Jammern. Weil es sich ausrasten kann. Sie würde gerade bügeln. Ihr Hirn wäre auch nicht so übermäßig beschäftigt. Ein Psychologe wurde nämlich zum Bestseller 2014 in Ö befragt – irgendwas mit Mandala-Malen – ob das jetzt nicht wirklich der intellektuelle Untergang des Abendlandes wäre. Der Gute widersprach heftig, weil wir uns eben zu wenig Muße, zu wenig Langeweile gönnen würden. Und das Gehirn solche Regenerationsphasen brauchen würde.

Mein Hirn scheint nach Wochen des Wartens auf den Mußenkuss recht ausgerastet zu sein. Und ich bin wieder etwas beruhigt. Die Sache ist nämlich die: Wenn man mehr Zeit für sich an der Hand hat, als man es die letzten Jahre gewöhnt war, dann hat man das Gefühl, man muss diese Zeit auch so richtig nutzen: Jetzt kann ich endlich das alles machen, was ich immer aufgeschoben habe. Jetzt ist die Zeit gekommen, um meiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Jetzt kann ich endlich jeden Tag tolle Blogposts schreiben. Jetzt! Jetzt! So, und dann sitzt man da und es geht einmal gar nix. Nada. Nichts fließt. Meine Damen und Herren, ich denke das nennt man einen klassischen Writer’s Block. Das nervt, auch wenn man keine Deadline hat. Und lässt dann durchaus Zweifel aufkommen. An den eigenen Fähigkeiten, an den eigenen Ideen, an einem selbst. Und dann, eines Tages wacht man auf und es fallen einem die Worte ein, die Sätze nehmen im Kopf Gestalt an und man muss sich ganz schnell hinsetzen und sie aufschreiben. Ok, zuerst einen Tee trinken und dann mit dem Schreiben beginnen. Und es macht wieder Spaß. So richtig. Und das alles glücklicherweise bevor ich meine Spidersolitär-Bestleistungen aus dem Jahr 2003 (oder war es 2004) toppen konnte und lange bevor mich Mah Jongg wieder in ihren Fängen hatte. Pfuh, das war knapp.

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