Nostalgisch altern

Die 90er erleben ja gerade ein modisches Revival. Eine Entwicklung, die ich persönlich ja sehr kritisch beäuge. Meiner Meinung nach ist es durchaus nicht notwendig und schon überhaupt nicht erfreulich, dass Menschen wieder bauchfreie Leiberln und hochgeschnittene Jeans anziehen oder Karohemden – am besten noch in Flanell, sich runde Sonnenbrillen aufsetzen oder gar diese wirklich seltsamen “Tattoo”-Halsbänder anlegen. Ein sartorialistisches Verbrechen sind auch diese Plateau-Sandalen und Turnschuhe. Klumpfuß ahoi! Will mir dann bald auch noch wer einreden, dass diese seltsamen Rucksäcke, die nicht zwei sondern nur einen Gurt hatten, den man quer über Brust und Bauch geschlungen hatte, wieder kommen? Oder ein noch schauerlicherer Gedanke: Die Frisuren! Mädels mit kurzen Haaren, die vorne angelegt werden und am Hinterkopf aufgestrubbelt wegstehen. Oder zwei Strähnen am Oberkopf zwirblen und feststecken. Ich krieg eine Gänsehaut.

Vielleicht ist meine Abneigung für die modische Glorifizierung der 90er nur die äußerliche Abbildung eines tiefer liegenden Problems. Wollen wir uns einmal in ein bisschen Westentaschen-Psychologie versuchen? Einer der Hauptgründe, warum ich runde Sonnenbrillen und Co verweigere ist die Tatsache, dass ich das alles schon einmal angehabt habe. Ich denke, es ist verständlich, dass ich mich nicht mehr so kleiden will, wie mein 13, 14, 15 etc – jähriges Ich. Was weh tut ist halt, dass dieses Ich-Sein gut zwanzig Jahre zurück liegt. (Also, wenn das so geschrieben vor einem steht klingt das gleich noch viel schlimmer.) Ist diese Mode-Verweigerung einfach nur Ausdruck meiner Angst vorm Altern? Glaube ich insgeheim noch immer knackig-jung zu sein, obwohl die anfangenden Krähenfüße und die Linien auf meiner Stirn, ganz abgesehen von diesen inzwischen wirklich nicht mehr zu übersehenden Lachfalten (ja, ich weiß, die kommen vom Lachen – aber es sind und bleiben FALTEN) von den Jahren erzählen, die seit meiner Geburt ins Land gezogen sind? Ach was. Oder, vielleicht ein bisschen. Zumindest weiß ich mit etwas zeitlichem Abstand einfach, was an den 90er gut war und was getrost in den 90ern bleiben kann, wie die Mode. Denn auch wenn ich damals die Blümchenkleider von Kelly und Gwen Stefani total super fand (natürlich hatte ich auch eines) oder Brendas Karohemd (meines war rot, wobei ich fast öfter mein beiges Cordhemd getragen habe. Und glaubt mir, Beige war und ist nicht meine Farbe.) und natürlich auch zwei bauchfreie Leiberln hatte, die ich immer versucht habe runterzuziehen, weil ich meinen Bauch nicht frei haben wollte, heute muss das nicht mehr sein. Die Musik allerdings, die Musik ist eine andere Geschichte. Und ich rede jetzt nicht von Barbie Girl, Mr. Vain und No Limit – auch wenn die nach wie vor ihren Platz in meinem Herzen und meinen Playlists haben. Eurotrash verliert nie seinen zweifelhaften Charme. Wenn ich einmal richtig nostalgisch werde oder Aufheiterung brauche oder während der Arbeit abshaken muss (Viva el home office!) dann geht nichts über die guten alten Hadern von Roxette, Bon Jovi, Offspring und Co. In diesem Sinne: Ein Hoch auf das, was an den 90ern richtig gut war.

PS: Und falls jemanden eine tiefe Sehnsucht überkommt, dem empfehle ich wieder einmal “10 Dinge, die ich an dir hasse” zu schauen. Ich bin kürzlich drübergestolpert und bin wieder daran erinnert worden, wie großartig der Film ist. 90er pur, was Mode und Musik betrifft. Und meiner Meinung nach einer der besten Teenie-Filme, weil er sich so überhaupt nicht ernst nimmt.

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