Planungsfehler

Ich frage mich ja oft, ob gewisse architektonische oder designtechnische Auswüchse vorab auf ihre Praktikabilität getestet wurden. Oder ob die entwickelnde Person auch nur einen winzigen Gedanken daran verschwendet hat, dass dieser Raum von einem tatsächlichen Menschen bewohnt, dass jener Gegenstand von einem Menschen benutzt werden soll. Etwa wenn ich in Marseille im großen goldenen M stehe (Erstaunlicherweise sind Supermärkte ja immer dann nicht in ausreichender Dichte vorhanden, wenn die Not am größten ist) und aufgrund von drohender Unterzuckerung in Kombination mit Dehydrierung ganz dringend ein Cola brauche. Ist ja auch ein Schnell-Ess-Lokal, was mir entgegenkommt. Soll ja schnell gehen. Aber da hab ich die Rechnung wohl ohne den Wirten also ohne Mr. Ronald gemacht. Weil da gibt es jetzt ein neues System. Denn um hier jetzt etwas zu essen oder trinken zu bekommen, stellt man sich nicht mehr am Schalter an und bestellt und kriegt das Zeugs dann. Nein, nein. Man stellt sich zuerst bei einem Touchscreen an, um sich dann mit Bon bei einem Schalter noch einmal anzustellen. Ist ja ein viel besseres System. Funktioniert auch total gut. So schnell und so. Derartige Schwachsinnigkeiten machen mich ja schon in einem zuckertechnisch ausgeglichenem Zustand unrund. Wenn ich dann aber auch noch wirklich durstig bin und wirklich ein Zuckerwasser will, dann sinkt mein Stimmungsbarometer ganz schnell noch viel weiter nach unten. Und die Schimpfwortfrequenz erhöht sich enorm. Da stehe ich also vor diesem verf…. Touchscreen und muss mich selbst durch gefühlte 50 Seiten klicken nur um ein deppertes Cola zu kriegen. Gut geschafft. Dann geht’s ans Zahlen. Und wo genau finde ich den Schlitz und die Tastatur für die Bankomatkarte? Na da, wo es am praktischsten ist. Unterm Touchscreen, auf Kniehöhe. Während ich also halb vornübergeugt, halb hockend bezahlt habe – das ganze Yoga macht sich endlich bezahlt- habe ich dem Designer dieses Gerätes neben Pest und Verdammnis auch noch gleich die vier Reiter der Apokalypse, Haarausfall und einen Totalabsturz seines Computers an den Hals gewünscht. Dafür, dass ich meine Würde in irgendeinem McDonalds in Marseille begraben habe.

Der Gute ist aber leider nicht alleine in seiner herausragenden Inkompetenz. Vor allem was die Gestaltung von öffentlichen Toiletten angeht gibt es ja wahre Gustostückerln, wenn man das so sagen darf. Nur allzu oft steht man nach Betreten der Kabine praktisch in der Kloschüssel. Erstaunlicherweise auch bei nigelnagelneuen Toilettanlagen, die durch einen großzügigen Eingangsbereich glänzen. Dass es wichtiger ist in den Kabinen Platz zu haben, als vorm Waschbecken hat sich noch nicht so durchgesprochen. Eine Herausforderung sind auch jene Klos, die aufgrund ihrer Hänghöhe entweder zu hoch oder zu tief für die beliebte Schranzhocke, die klassische Urinierhaltung für Damen in öffentlichen Toiletten, sind. Der absolute Gewinner in der Kategorie Planungsfehler beim Klo sind jene im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hier in Strasbourg. Fangen wir vielleicht im Eingangsbereich an. Manchmal will man sich ja nur die Hände waschen, die Nase pudern. Das Händewaschen kriegt man vielleicht noch hin. Ist zwar etwas unpraktisch, die Waschbecken in etwa Mitte Oberschenkel zu hängen, aber es geht. Dass die Spiegel allerdings auch auf dieser Höhe platziert sind, lässt schon auf einen Mangel an Hausverstand schließen. Muss man dann aber tatsächlich, beginnen die Probleme erst so richtig. Um sich in der Kabine halbwegs wohlfühlen zu können, sind eine Körpergröße von unter 150 cm und ein Körpergewicht von unter 45 Kilo empfohlen. Alles andere wird eng. Als das Gebäude in den 90ern gebaut wurde, hat es scheinbar noch nicht diese Hygieneartikel-Mülleimer gegeben. Jedenfalls steht jetzt ein derartiges überdimensioniertes Plastikteil drinnen. Will man rein, muss man das Ding möglichst weit nach hinten schieben. Um zur Kloschüssel zu kommen, muss man das Riesenteil dann bei geschlossener Tür vor eben diese bugsieren. Das wahre Highlight an dem Ganzen ist allerdings die Spülung. Die befindet sich nämlich zehn Zentimeter neben und fünf Zentimeter über der Kloschüssel. Und ist schwer drückbar. Die einzige Möglichkeit sie zu bedienen ist tief über der Kloschüssel zu lehnen. Darf ich anmerken: Es gibt Angenehmeres. Und darf ich fragen: Wem darf ich einen gut platzierten und wohlgemeinten Schlag auf den Hinterkopf verpassen? Der soll nämlich das Denkvermögen erhöhen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *