Das Universum hat keinen Plan

Ich war ja schon ein bisserl verzweifelt, weil ich in letzter Zeit irgendwie kein Buch gefunden habe, das mir so richtig gefallen hat. Also der Hundertjährige hat mich natürlich schon froh gemacht. Aber dann waren da ein paar, die ich einfach nicht fertiglesen wollte. Ich gehöre nämlich zu denen, die, wenn ihnen ein Buch partout nicht zu gefallen anfängt, sie das tatsächlich weglegen. Vermutlich weil ich während des Studiums meiner Meinung nach genug Texte lesen musste, die mir nur mäßig getaugt haben. Also jetzt nicht falsch verstehen, das hat schon so gepasst. So von wegen Literaturstudium und Kanon und so. Aber jetzt lese ich halt wirklich nur mehr, weil es mir Spaß macht und dann will ich mich nicht von Seite zu Seite quälen.

Langer Einleitung kurzer Sinn: Ich hab wieder einen Roman gefunden, das mich so richtig umgehauen hat. “Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat”, im Original “The Universe versus Alex Woods” ist der Debütroman eines gewissen Gavin Extence und von Anfang bis zum Ende einfach nur großartig. Ich will inhaltlich nicht zu viel verraten, weil ich denke, dass das ein Text ist, auf den man sich möglichst unvorbereitet einlassen sollte. Wobei der Klappentext in diesem Fall gerade soviel verrät, wie nötig, aber nichts wirklich vorweg nimmt. Also für alle die, die nicht einfach ein Buch anfangen zu lesen, weil ich das sage, der Waschzettel:

“Alex Woods ist zehn Jahre alt, und er weiß, dass er nicht den konventionellsten Start ins Leben hatte. Er weiß auch, dass man sich mit einer hellseherisch begabten Mutter bei den Mitschülern nicht beliebt macht. Und Alex weiß, dass die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten können – er trägt Narben, die das beweisen.

Was Alex noch nicht weiß, ist, dass er in dem übellaunigen und zurückgezogen lebenden Mr. Peterson einen ungleichen Freund finden wird. Einen Freund, der ihm sagt, dass man nur ein einziges Leben hat und dass man immer die bestmöglichen Entscheidungen treffen sollte.

Darum ist Alex, als er sieben Jahre später mit 113 Gramm Marihuana und einer Urne voller Asche an der Grenze in Dover gestoppt wird, einigermaßen sicher, dass er das Richtige getan hat …”

Vermutlich könnte man die Geschichte als Tragikomödie beschreiben, aber damit würde man ihr wohl nicht ganz gerecht werden. Alex Erzählung – der Text ist in Ich-Form geschrieben – ist berührend und unheimlich lustig und tragisch und skurril und traurig und bizarr. Mitten in den schmerzlichsten, bittersten Momenten sagt er etwas, das einen einfach laut auflachen oder zumindest ganz fies Grinsen lässt. Am Cover steht “Ein Märchen für Realisten” und das trifft es vielleicht am besten. Und nur noch ein Wort zur Sprache: wunderbar! Also bitte lesen! Jetzt! Sofort!

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Ein Schelm mit Sinn für Abenteuer

Gedanklich und auch leserisch bin ich ja schon wieder eins weiter, aber folgendes Buch möchte ich euch dann doch ans Herz legen. Zum Geburtstag (ja, ist eine Weile her) ist mir Jonas Jonassons “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand” überreicht worden. Jetzt dürfte ich bis zu diesem Zeitpunkt eine der sehr wenigen Menschen weltweit gewesen sein, die noch nichts von dem Autor und/oder dem Buch gehört hat. Der Band hat irgendwie überall und recht schnell für Furore gesorgt. Und ich hab nix mitbekommen. Aber das ist ja jetzt wieder richtiggestellt. Ich hab das Buch gelesen und ich kann nur sagen: sehr feine Unterhaltung.

Kurz gesagt geht es um den hundertjährigen Allan Karlsson, der an seinem Geburtstag – eben dem hundertsten – aus dem Altersheim abhaut. Jetzt ist der Gute kein gebrechlicher seniler alter Mann sondern hat es faustdick hinter den Ohren. Und so passiert es, dass er so ganz nebenbei ganz Schweden auf den Kopf stellt. Parallel zu den Ereignissen in der Gegenwart wird Allans Leben bis zu dem Zeitpunkt im Altersheim erzählt. Ohne jetzt zu viel spoilern zu wollen: Es erinnert alles ein bisserl an Forest Gump. Und das ist auch schon der einzige Minuspunkt, den ich dem Text gebe. Natürlich gibt es Abweichungen: Gump war ja eher der herzliche, liebenswerte Tor während Karlsson schon so ein richtiger Schelm ist. Aber der Grundtenor…ihr wisst schon. Ansonsten ist Jonassons Buch aber wirklich ganz wunderbar zu lesen, die Sprache hab ich ganz bezaubernd gefunden, wirklich schöne Sätze gibt es da. Und immer wieder einmal muss man einfach laut auflachen. Das ist auf jeden Fall ein Empfehlungspunkt. Wer also schöne, intelligente Unterhaltung sucht, schnappt sich doch bitte rasch dieses Buch und beginnt zu lesen.

 

Our meat and mead

Was die Punschhütte fürs Stadtbild ist der/die/das? gift guide für die Blogosphäre. Allgegenwärtigkeit ist Trumpf, ohne bist du’s einfach nicht. Es gibt Schenkempfehlungen für alle Größen, Formen und Farben, für jede Brieftasche und Zuneigungsstufe. Jetzt hab ich persönlich ja weder die Geduld noch die Ideen für so etwas. Aber das heißt nicht, dass meine Heerscharen an Lesern vollkommen geschenksdumm sterben müssen. Einerseits kann sich ja jeder im Musikkammerl oder der Bibliothek Inspirationen holen. Andererseits präsentiere ich hier das ultimative Geschenk. Also zumindest für alle, die Game of Thrones mögen. Oder zumindest Kochen. La poule hat mich dankenswerterweise auf das Game of Thrones Kochbuch aufmerksam gemacht. Die zwei Autorinnen haben dafür mittelalterliche Rezepte durchforstet und gesammelt. Jetzt wird das ganze ja nicht so die leichte mediterrane Küche sein. Wohl eher Fleisch mit Fleisch und Fett mit Zucker. Ist ja prinzipiell auch nix Schlechtes. Halt nichts für jeden Tag. Aber wenn die Tage kalt und die Nächte lang sind, braucht man ja ein bisserl comfort food. Schließlich wissen wir alle: Winter is coming. Und wenn man das nächste Mal Freunde zum Essen geladen hat, kann man ihnen wenigstens ein ordentlich üppiges Festmahl bieten. Oder wie der gute George sagt: Let’s share meat and mead. Der liebe W. hat einigermaßen entsetzt reagiert. Aber in meinem Brief ans Christkind steht das Buch trotzdem.

Game of Thrones Kochbuch

 

Wiener Wahlverwandtschaften

Mit Schaudern hab ich festgestellt, dass meine letzte Buchempfehlung schon eine Weile her ist. Das liegt jetzt nicht daran, dass ich in den vergangenen Monaten nix gelesen hab. Aber entweder es war nicht sonderlich empfehlenswert oder ich hab’s eh schon quasi vorgestellt. Wie A Song of Ice and Fire, von dem ich jetzt endlich den fünften Teil A Dance with Dragons fertig habe. Also eh schon länger. Aber auch wenn ich mich irrsinnig gerne und mit erstaunlicher Frequenz wiederhole, hab ich das diesmal übersprungen. Na jedenfalls bevor ich in meine aktuelle Was soll ich nur lesen-Phase gerutscht bin, hatte ich ein recht gutes Buch bei der Hand. Wobei, es geht hoffentlich nicht nur mir so, dass man vor dem vollen Bücherregal steht, in dem sich doch einige noch nicht gelesene Bücher befinden, aber man einfach nichts, wirklich nichts zum Lesen findet. Also nicht, dass ich nicht willens gewesen wäre. Ich hab sogar zwei Bücher angefangen. Aber das eine – ach keine Ahnung was das war. Und das andere war geschrieben wie ein Volksschüler-Aufsatz. Elend, ich sag’s euch. Die ganze Buchregalsituation ist ein bisschen so, wie wenn man wieder einmal nichts zum Anziehen findet. Beim unausreichend bestückten Kleiderschrank lande ich dann möglicherweise in der Hemdenabteilung vom lieben W. (Ich hatte gestern tatsächlich nichts, dass in irgendeiner Weise zu meiner schwarzen Hose gepasst hätte, und ich bin mir sicher meine media naranja hat da nichts dagegen. Also wenn er es dann wissen wird.) Bei einem Mangel an verlockenden Büchern greife ich zu bereits gelesenen Werken. Das hat den Vorteil, dass man die Teile, die vielleicht nicht so umwerfend oder spannend waren, einfach überspringen kann. So wie bei Filmen oder Serien, die man schon xmal gesehen hat. Dirty Dancing ist zum Beispiel richtig knackig kurz, wenn man das ganze öde Gequatsche, etwa wenn Johnny was auch immer zu Babys Vater sagt. Also nicht – Nobody puts Baby in a corner – sondern dieser Elendsmonolog davor einmal.

Na jedenfalls, bevor ich in diese ganze Ich hab nix zum Lesen-Misere gerutscht bin, hab ich ein recht gutes Buch erwischt gehabt, dass seit ziemlich genau einem Jahr auf meinem To-Be-Read-Stapel gelegen ist. Die Rede ist von Ruth Cerhas “Zehntelbrüder”. Darin versucht der Wiener DJ Mischa (Minuspunkte für den Namen. Tut leid, den find ich vor lauter schrecklich nur schrecklich. Und dann hab ich immer den Alfred Dorfer in Muttertag vor mir.) sein Leben irgendwie in den Griff zu kriegen. Seine um zehn Jahre ältere Freundin will a) mit ihm Kinder und b) ihn ihren Eltern vorstellen. Das packt der Gute nicht so ganz und die Beziehung steht auf der Kippe. Der Grund, warum Mischa gar so panisch wird, wenn’s um Familie geht, ist, dass er selbst in und mit einer sehr ungewöhnlichen Menschenkonstellation aufgewachsen ist. Die Mutter ist mit 17 schwanger und vom reichen Papa rausgeschmissen worden. Später heiratet sie dann einen geschiedenen Vater zweier Söhne mit dem sie dann auch ein Kind hat. Die Beziehung hält aber nicht und dann kommen noch Freundinnen, Halb/Viertel bis hin zu quasi Zehntelbrüdern dazu. Klingt kompliziert. Ist es auch. Doch das ganze ist ganz wunderbar geschrieben. Die gute Ruth hat nämlich tatsächlich ein Händchen für Sprache und bringt wirklich ganz bezaubernde Formulierungen hervor. Auf der einen Seite lässt sie Mischa die Geschichte seiner Familie erzählen, während das Geschehen in der Gegenwart dazwischen weiterläuft. Das mag dann nicht alles allzu schlüssig sein, aber hey: Es ist gut geschrieben. Das einzige, was mich tatsächlich gestört hat, war das Ende. Also das knapp davor. Es kommt da praktisch zu einem Showdown, wenn die ganze (Wahl)Verwandtschaft in einen Flieger steigt, um den einen, der sie im Stich gelassen hat, mit allerhand aufgestauter Emotionen zu konfrontieren. Das hat ein bisserl so gewirkt, als hätte man in “Howard’s End” zum Schluss eine Automobilverfolungsjagd eingebaut. Also mehr so Faust aufs Aug. Aber drücken wir dies einfach einmal zu und sagen, dass das Buch echt gut war und vor allem die Sprache wunderschön ist. Also bitte, lesen!

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Auch Engel haben Angst

Ich bin ja eigentlich nicht die super Krimileserin. Also hin und wieder les ich schon einen. Der ist dann meist von Agatha Christie. Wenn ich dann einmal was Zeitgenössisches erwisch, bin ich entweder tief deprimiert, weil die ganze Welt so schlecht ist (Elizabeth George) oder in leichter Panik, wie nach “Sein letzter Auftrag” (Michael Connelly). Letzteres Buch hat dazu geführt, dass ich nicht wie bisher an einer überschaubaren Menge an Passwörtern für dies und das festhalte, sondern mir für jeden Zugang ein eigenes ausgedacht habe. Was wiederum dazu geführt hat, dass ich bei einigen gar nicht mehr reinkomm, weil ich das Passwort vergessen habe. Und mit einem neuen anfordern ist es auch schwierig, wenn man sich dafür eine eigene Emailadresse zugelegt hat, von der einem nicht nur das Passwort nicht mehr einfällt, sondern gleich die ganze Adresse ein Mysterium bleibt.

Also halte ich mich einfach von contemporären Krimis mit Hinweis auf die Gefahren des Internets und was weiß ich noch fern und führe ein vielleicht ahnungsloseres aber glücklicheres Leben. Aber weil einem manchmal halt nach Krimi ist, hab ich jetzt was ganz eigenes gefunden. Krimis, die im Regency-England spielen. Die meisten historischen Schmusibu-Bücher spielen ja dort. Also kenn ich die Zeit schon recht gut. Ähem. Und sie funktioniert auch gut als Hintergrund für Verbrechensgeschichten. Also zumindest bei der C.S. Harris und ihren Sebastian St. Cyr- Büchern. Das ist jetzt aber nicht das schöne, schicke Regency-England, wie man sich denken kann.

Im ersten Teil “What Angels fear” wird unser Held auch gleich des Mordes verdächtigt. Sebastian St. Cyr, Viscount Devlin, ist mehr oder weniger gerade frisch vom Krieg zurückgekehrt, wo er aufgrund seine brillanten Verstandes und der Tatsache, dass er praktisch im Dunkeln sehen kann (gut, das is a bissl komisch) recht erfolgreiche Missionen hinter sich gebracht hat. Zur Familie, oder das was noch da ist, hat er ein schwieriges Verhältnis. Vielleicht tät ja eine Familienaufstellung helfen. Und überhaupt ist er grad nicht so happy-peppy unterwegs. Und dann soll er auch noch eine junge Schauspielerin bestialisch dahingemetzelt haben. Sein Revolver wurde bei der Leiche gefunden. Und weil ihm irgendwie keiner glaubt, muss er halt selbst beweisen, dass er unschuldig ist. Was bedeutet: den Mörder finden. Hilfe kriegt er dabei von seinem Ärzte-Freund Paul Gibson, dem Straßenjungen Tom und seiner Ex-Geliebten Kat Boleyn (ein Künstlername, was soll ich sagen). Der politische Hintergrund zu der Zeit (der Prince of Wales soll zum Prince Regent gemacht werden, weil sein Vater, King George der soundsovielte, wie sagt man so schön one fry short of a happy meal ist) spielt auch eine wichtige Rollen.

Das ganze ist superspannend geschrieben. Die Sprache ist auch nicht zu platt. Der Leser wird von der ersten Seite weg in die Welt des Sebastian St Cyr hineingezogen, man fühlt mit den Figuren mit, versteht die einen, hasst die anderen und weiß bis zur Auflösung echt nicht, wer es denn jetzt wirklich getan hat. Das Buch ist auch nur ein bisserl grausig. Also nicht zu sehr. Wer einmal einen etwas anderen Krimi mag: Bitte lesen. Ich bin grad beim zweiten Band.

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Zuviel wird verschwiegen

Wie ist es eigentlich möglich, dass Montage immer schwierig sind? Also auch wenn sie eigentlich Dienstage wären. Und um jetzt nicht komplett gaga zu klingen (oder vielleicht macht das das jetzt noch schlimmer): Hatten gestern Redaktionsschluss, was bedeutet, der Sonntag war eigentlich mein Montag. Das bedeutet, dieser Montag ist eigentlich schon ein Dienstag, weil ja kein tatsächlicher Arbeitswochenbeginn. Und trotzdem. Es ist das volle Montagsfeeling. Oder vielleicht bin ich einfach nur müde. Und das graue Wetter hilft jetzt grad echt auch nicht. Wobei, ich muss ja gestehen zurzeit freu ich mich eigentlich fast, wenn es regnet oder zumindest so ausschaut als ob es gleich losschüttet. Dann kann ich nicht mit dem Rad fahren sondern muss die U-Bahn nehmen. Und jetzt nicht aus reiner Bequemlichkeit. Denn ich freue mich eigentlich immer wirklich auf die Eröffnung meiner ganz persönlichen Fahrradsaison. Abgesehen davon, dass einem das schon auch guttut, so fitnesstechnisch, ist es einfach total nett in der Früh den Donaukanal mit all seinen grünen und blühenden Sträuchern und Bäumen entlangzufahren. Und im Sommer ist es super, weil am Radl schwitz ich wenigstens alleine und nicht in der großen Gruppe. Am besten eng aneinander gekuschelt.

Na jedenfalls der Nachteil am Radln ist, dass ich mit meiner Lektüre oft nicht wirklich weiterkomm. Denn die U-Bahnfahrzeit ist für mich auch immer eine wichtige Lesezeit. Öffis fahren ohne Buch und/oder Stöpsel für die musikalische Berieselung in den Ohren finde ich schwierig. Und diese Lesezeit-Beschneidung tut momentan wirklich weh, weil ich gerade ein großartiges Buch angefangen habe. Eines, für das ich mir wünsche, dass ich nicht mit dem Rad fahren kann. Ja, so gut ist es. Normalerweise kommen meine Buchempfehlungen ja immer nach Beendigung der Lektüre. Aber diesmal preise ich das Werk schon früher an. Auf Seite 132 von 351. Ja, so gut ist es. Wovon die Rede ist? Das Verschwiegene von Linn Ullmann. Worum es geht? Drei Buben finden im Wald nahe einer norwegischen Küstenstadt die Leiche eines Mädchens. Die damals 19jährige Mille ist vor zwei Jahren bei der Geburtstagsfeier zum 75er der Buchhändlerin Jenny Brodal verschwunden. Ullmann erzählt nun von den Ereignissen von vor zwei Jahren. Von Jenny Brodal, die nach 20 Jahren Abstinenz an diesem Abend wieder zu trinken begonnen hat. Von ihrer Tochter Siri, die das Fest gegen ihren Willen organisiert hat. Von deren Mann Jon, einem Schriftsteller, der endlich sein Buch fertig kriegen muss. Von ihrer Ehe. Von ihren Töchtern Alma und Liv und dem Kindermädchen Mille. Die Erzählperspektiven wechseln dabei praktisch von Kapitel zu Kapitel. So werden Ereignisse oft von verschiedenen Personen erzählt und man bekommt einen guten Einblick in das Seelenleben der Protagonisten. Das Ganze ist dann auch kein Krimi sondern vielmehr ein Familien-Roman im besten Sinn oder meinetwegen auch eine Art Psychogramm. Auf jeden Fall ist es mitreißend geschrieben. Die Sprache, die Erzählstimme wechselt auch je nach Person und man hat das Gefühl, wirklich dabei zu sein, alles hautnah mitzuerleben. Ich gehe jetzt einfach davon aus, dass die nächsten rund 200 Seiten vom Buch auch so gut sind und sag jetzt einfach einmal: Bitte lesen.

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Die Geschichte wiederholt sich

So, jetzt war ich zwei wunderbare Wochen auf Urlaub (keine Sorge, ihr hört noch genug davon) und eigentlich wollte ich euch davor noch eine kleine Leseaufgabe geben. Aber wenn man halt einen halben Tag zum Packen braucht, geht sich das alles nicht aus. Ich hoffe aber doch, dass ihr die regelmäßigen Nachrichten aus dem Elfenbeinturm schmerzlich vermisst habt und nun nur umso eifriger meine Zeilen aufsaugt.

Ein Buch, das ich euch ganz dringend ans Herz legen möchte, ist Timur Vermes’ “Er ist wieder da”. Das Cover lässt jetzt nicht gar so viele Zweifel daran, wer denn “er” sein soll. Herr H. ist 1945 gar nicht gestorben. Irgendwie ist er ins Koma gefallen oder so. Na jedenfalls wacht er im Heute auf, ist ein wenig verwundert, wie denn das alles so gegangen sein soll, aber eigentlich froh, dass er noch lebt und sein Lebenswerk weiterführen kann. Da es Adolf H. nach dem Wissensstand der Leute aber nicht mehr geben kann und wenn müsste er ja viel älter sein, glaubt man ihm natürlich nicht, dass er ist, wer er ist. Ein Zeitungsstandler glaubt vielmehr, dass er ein Schauspieler, ein Komiker ist, der Hitler spielt. Er macht eine Fernsehproduktionsfirma auf ihn aufmerksam und dort ist man begeistert. Das “Programm” kommt super an. Was folgt ist der erneut aufhaltbare Aufstieg des Herrn H. Diesmal wird er zum Fernsehstar. Die Leute sind begeistert, weil er anders ist, weil er endlich sagt, was die Leute denken, total politisch unkorrekt und so. Dass er dabei nichts anderes sagt wie vor 70 Jahren fällt dabei kaum auf. Und weil alles im Namen der Kunst ist, ist auch alles entschuldbar.

Das Buch ist tatsächlich großartig. Ich hab zwar so die ersten 50 Seiten gebraucht zum Reinkommen. Aber dann liest es sich sehr flüssig. Da es sich um eine Satire handelt ist das Ganze jetzt auch nichts für Menschen mit einem erhöhten Bewusstsein an politischer Korrektheit. Es ist urkomisch, bitterböse und nur zu wahrhaftig. Denn es zeigt, dass “so etwas” wie vor 60/70 Jahren durchaus wieder passieren kann. Und nur allzuoft bleibt einem dann das Lachen im Hals stecken. Also bitte lesen. Unbedingt.

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Auntie Jane

Pride and Prejudice, Emma, Sense and Sensibility und Austens andere Romane kennt man. Also ich. Dass Auntie Jane aber noch mehr geschrieben hat, das ist weniger bekannt. Kürzlich bin ich beim Stöbern im Kindle-Store (free books! yey!) über Lady Susan gestolpert. Ein kurzer Briefroman. Und wirklich gut. Laut den Inhaltsangaben, die ich gerade so gefunden hab, soll es sich bei Lady Susan um eine junge Witwe handeln, die gerne mit ihren Verehrern kokettiert und in den Familien, die sie besucht für Wirbel sorgt. Irgendwo ist auch gestanden, es soll um ein junges Mädchen gehen, das sich von ihrer Mutter emanzipiert. Nun, das kann ich so nicht unterschreiben. Die gute Lady Susan ist ein fieses, selbstverliebtes Biest, das alle nach ihrer Pfeife tanzen lassen will, in der Bewunderung der Männer badet, ihr Tochter für ein dummes vernachlässigenswertes Geschöpf hält und es liebt Unruhe zu stiften. Sie kann aber auf ihre Schönheit und ihr Redetalent zurückgreifen, so, dass sie die Situationen immer wieder zu ihrem Vorteil hinbiegen kann. Nach einem kurzen Aufenthalt bei Freunden, bei dem sie dem Hausherren recht nahe gekommen sein dürfte, hat sie es sich jetzt in den Kopf gesetzt, den Haushalt ihres Schwagers (ihr älterer Gatte hat es endlich geschafft das Zeitliche zu segnen) ein wenig aufzuschütteln. Nebenbei will sie ihre lästige Tochter an den Mann bringen.

Das ganze wird, wie gesagt in Briefen erzählt. Die Schreiberlinge sind Lady Susan selbst, ihre Schwägerin, deren Bruder, deren Mutter und eine Freundin von Lady Susan (ich glaub, ich hab keinen vergessen). Und so bekommt man ein sehr schönes runde Bild, von den Dingen die so passieren, die unterschiedlichen Sichtweisen etc. Ich mag ja Texte mit Charakteren, die Emotionen hervorrufen. Lady Susan kann das. Selten hab ich so gehofft, dass eine Protagonistin auf ihr süßes Naserl fällt. Oder das die anderen sich von ihr nicht so blenden lassen. Ob die Hoffnung vergebens ist oder nicht, sollte jede/r selbst herausfinden. Eine schnelle aber gut geschriebene Lektüre. Bitte lesen.

 

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Alles wird gut

Ich find’s ja immer schön, wenn ich Reaktionen auf meine Postings erhalte. Euphorische Lobhudeleien, die mein ungemeines Schreibtalent, meinen tiefgründigen Humor und meine augenzwinkernden Selbstironie preisen sind mir natürlich am liebsten. Kommen aber erstaunlich selten vor. Also mehr so gar nicht. Aber ich lasse mir ja von der Realität nicht meine Laune verderben. Und ich träume weiter. Na jedenfalls ist es wirklich schön zu wissen, dass meine Zeilen nicht vollkommen unbeachtet im Schreib-Nirvana verschwinden. Ja, da werden manchmal sogar wahre Emotionen frei. Quasi halt. Vorgestern erreichte mich folgende Nachricht (Rechtschreibung wurde angepasst. Erlaubnis zur Veröffentlichung nicht eingeholt): “Bin sehr dafür, dass du zukünftig Bücher empfiehlst, in denen am Ende Menschen am Leben bleiben. Auch wenn es noch so gut ist.” Absender: die liebe N. Ich werde jetzt nicht verraten, um welches Buch es sich gehandelt hat. Will ja niemanden spoilern. Aber ich habe diese Kritik vernommen, verarbeitet und will darauf reagieren. Ich dachte, ich werf’ meinen lieben Lesern jetzt einfach einmal gleich ein paar Bücher hin, die ohne Todesopfer auskommen. Und bei denen nicht zuviel verraten ist, wenn man sagt, dass da keiner stirbt. Tja, das winzige Problem war gerade nur, dass außer Schmusibu-Büchern mir da kaum etwas Passendes eingefallen ist. Und da ich mich mittlerweile an der Heimatfront auf Weihnachtsurlaub befinde, kann ich nicht einmal mein Bücherregal durchgehen und nachschauen. Aber ich verzage ja selten. Nach kurzem In-Mich-Gehen kann ich nun folgende Werke mit gutem Gewissen an alle Anhänger von Protagonisten, die samt und sonders überleben, empfehlen. (Und falls da doch einer abtritt, kann ich mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern und es zählt nicht.) Falls wer noch ein Last-Minute-Geschenk für jemanden braucht, oder sich einfach auch Lesestoff für die Feiertage auf den Kindle laden will. Also bitte lesen! (Ähem, ein Teil ist scheinbar zur Zeit schlecht zu bekommen. Aber vielleicht wird’s wieder.)

Bill Bryson: Notes from a Small Island  – Unübertroffener Reisebericht eines Amerikaners, der nacht Großbritannien ausgewandert ist und sich die Insel erwandert. Unglaublich lustig.

Toni Jordan: Tausend kleine Schritte (Addition) – Schmusibu mit Twist. Zwangsneurotikerin versucht mit dem Leben zurechtzukommen. Bezaubernd.

Sophie Kinsella: I’ve got your number – Klassisch Schmusibu. Man weiß, wie es ausgeht, aber der Weg dorthin ist wirklich sehr lustig. Obwohl es in der ersten Person geschrieben ist.

Peter Mayle: Trüffelträume – Bissi Krimi, aber ohne großartige Gewalt. Im Prinzip ein Loblied auf die Provence. Man riecht den Lavendel, man schmeckt den Wein und will sofort die Koffer packen und einen Urlaub in Südfrankreich machen. Scheinbar nur mehr gebraucht erhältlich. Hmm.

Science Busters: Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln – Die schärfte Boyband der Milchstraße hat zum Buch auch ein Hörbuch. Gelesen vom großartigen Harry Rowohlt. Aber auch die Herren Puntigam, Gruber und Oberhummer kommen zu Wort.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren – Seine Krimis mag ich nicht lesen. Aber das ist meiner Meinung nach eines der besten Bücher ever. Ich liebe Bücher mit ungewöhnlicher Struktur. Das ist wirklich praktisch perfekt.

Vladimir Nabokov: The Real Life of Sebastian Knight – Also einen Nabokov muss man in seinem Leben gelesen haben. Der hier hat eine ungewöhnliche Struktur (Präferenz s.o.) und kann mit einem der schönsten Sätze aufwarten, die jemals geschrieben wurden: “She entered his life without knocking.”  (Ähem, die Titelperson ist am Anfang vom Buch schon tot, das zählt also nicht.)

Noch einmal Eskapismus, bitte!

Es wird immer früher dunkel. Es wird kalt. Es wird grauslich. Zeit also, sich wieder einmal in literarischen Happy Ends zu verlieren. Ist ja schon eine wirklich lange Weile her, dass ich hier Empfehlungen abgegeben habe. In der Zwischenzeit konnte ich meinen Wissensstand erweitern. Zwar hab’ ich mich selber gerade wieder in die wenig freundliche und liebevolle Welt von Westeros begeben. Aber ich bin mir recht sicher, dass ich über tausend Seiten Gemetzel, Intrigen und tote Lieblingscharaktere nicht ohne den einen oder anderen locker-flockigen Zwischenstreuer überstehe.

Zugegeben, es gibt wirklich unglaublich viel Lesemüll da draußen. Aber immer wieder einmal stolpert man dann über wirklich gut geschriebene Romance-Romane. Und eine, die ich wirklich sehr gerne habe ist die gute Sarah MacLean. Die schreibt auch einen sehr netten Blog, auf dem sie ganz wunderbar bemerkt: I write books. There’s smooching in it. Yey. Und die Bücher sind wirklich auch unglaublich lustig. Die ersten drei Bücher – einfach zu erkennen am nine, ten und eleven im Titel – gehören zusammen. Können natürlich aber auch getrennt voneinander gelesen werden. Die Helden der ersten zwei Bücher sind Zwillingsbrüder, die Heldin des dritten ihre Schwester.

Die Heldin von “Rouge” kommt schon in “Eleven Scandals” vor, gehört aber so nicht zu den Vorgängern sondern eröffnet eine neue Buchreihe (Rules of Scoundrels). Der Einfachheit halber einfach die Cover der bisherigen Titel mit dem Link zum Bucherwerb.

Am besten hat mir immer noch ihr Debüt “Nine rule to break when romancing a Rake” gefallen. Vor allem weil die Heldin total entzückend ist. Aber die anderen sind natürlich auch wunderbare Eskapismus-Literatur.

Also, für alle diejenigen, die nix gegen ein wenig Geschmuse oder mehr haben: Bitte lesen!

 

 

PS: Irgendwie gibt es ein kleines Problem mit den Bildhochladen. Also einstweilen ohne Cover. Wird aber bald nachgeholt.

Und hier sind sie: