Rosa Brille

Kinder, wie die Zeit vergeht. Und ja, es stimmt, was alle sagen: An Kindern sieht man das besonders gut. Den grade war Mademoiselle noch ein frischgeschlupftes rosa Minizwutsch und schon ist sie aus allen Anfangssachen rausgewachsen, kann ihren Kopf halten und übt den Unterarmstütz. Natürlich ist sie das beste Baby ever – trust me, I made her – und ich könnte jetzt seitenweise von Mademoiselle N. schwärmen, aber da gibt es etwas, das mich vor allem die letzten acht Wochen sehr beschäftigt.

Warum, frag ich euch, warum sind alle Mädchenbabysachen rosa. Oder pink. Oder wenn es Richtung unisex geht gibt es maximal Grau, Beige oder Weiß. Alles so gedeckte Farben. Wo bleiben die quietschbunten Babysachen (und ich bin wirklich sehr viele Geschäfte abgeklappert) oder bin ich aktuell die einzige, die findet, dass Babys bunt angezogen sein sollten. Zumindest hin und wieder. Und dass diese rosa-himmelblau Geschlechterdefinition schrecklich ist und ungeahnte Ausmaße annimmt. Aus Erfahrung kann ich nach neun Wochen sagen: Sobald ein Baby nicht rosa angezogen ist, dann wird angenommen, dass es ein Bub ist. Egal, ob es jetzt meiner Meinung nach völlig unisex im blau-weiß gestreiften Strampler mit rotem Westerl unterwegs ist oder grüne Wollsocken trägt oder in einem dunkelblauen Schianzugsack steckt. Und auch wenn ich mich nicht sehr gerne auf die Vergangenheit als so viel besser berufe, aber das war früher schon anders und meines Erachtens nach besser. Ich finde es tatsächlich schrecklich, schon Frischgeschlupfte in die “richtigen” weil geschlechterdefinierenden Farben zu packen. Ich habe jetzt nicht per se etwas gegen Rosa. Es gibt eh süße rosa Sachen, aber es gibt halt nur rosa und die getrennte Kleidung ist ja nur ein Vorbote für all die anderen Geschlechtertrennungen im Kindesalter. Eigene Wasserflaschen, Bücher, Überraschungseier – you name it. Mädchen sind Prinzessinnen, Buben Piraten. Mädchen kriegen hübsches, häusliches Spielzeug, Buben Basteleien und Waffen. Es wird eine ganz schöne Herausforderung meine Tochter davor zu bewahren, das sie zu früh in irgendwelche Rollenbilder hineingepresst wird, die wohl deshalb von der Industrie so forciert werden, weil sie dadurch mehr verkaufen kann. Denn wenn alles so spezifisch auf ein Geschlecht zugeschnitten ist, muss man ja im Falle von zumindest zwei Kindern unterschiedlichen Geschlechts alles doppelt kaufen. Mademoiselle N. hingegen trägt einstweilen die Sachen vom Cousin nach. Glücklicherweise haben wir genug Kleidung geschenkt bekommen – in rosa natürlich- sodass ich nicht ständig sagen muss: Nein, das ist ein Mädchen.

Von Yoda-Krampussen und George Michael

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Der Göttergatte dürfte diesen Advent eine Mission haben. Meine Ent-Grinchung. Das vergangene Wochenende hat er damit verbracht, mich mit Weihnachtmusik zu beschallen. Aber nur die, von der er weiß, dass sich mir dabei nicht die Zehennägel aufrollen und die Nackenhaare aufstellen. Er hat beim Schmücken unserer Weihnachtsbirke das dicke Hippo mit Turmfrisur, das ihn beim Kauf nicht so richtig überzeugt hat, widerstandslos aufhängen lassen. In meiner kindlichen Freude über den Baumbehang hat er wohl ein leichtes Auftauen gegenüber Weihnachten im Allgemeinen gesehen. (Für alle, die sich fragen, warum man denn als Nicht-Weihnachtsliebhaberin einen Baum schmückt: Erstens: Es gibt so großartigen Schmuck und ich mag unsere Tradition jedes Jahr ein absurdes Stück zur Sammlung hinzuzufügen. Zweitens: Wenn schon Baum, dann während der Adventzeit. Für einen Abend zahlt sich das ja überhaupt nicht aus. Drittens: Eine Birke ist ideal, weil sie nicht nadelt und trotzdem schön ausschaut. Auch unterm Jahr.) Er hat sogar die Idee Planter’s Punch als Aperitiv beim Weihnachtsessen zu servieren (falls das Essen tatsächlich Colombo de Poulet wird) einigermaßen wohlwollend aufgenommen, vor allem nachdem er erkannt hat, dass das einen frühzeitigen erhöhten (aber nicht überhöhten)  Alkoholspiegel bei den Eltern verursachen würde, der sehr zum Weihnachtsfrieden beitragen kann. Wenn richtig dosiert.

Um meine Beteiligung an Weihnachtsabendaktivitäten zu erhöhen – im Normalfall beschränke ich mich aufs Lesen der Weihnachtsgeschichte. GGs Familie scheint der festen Überzeugung zu sein, dass weil ich Literatur studiert habe, ich gut vorlesen kann. Wer übrigens für einen Schreckensmoment unter der katholischen Anverwandtschaft sorgen will, kann einmal beiläufig erwähnen, dass sich natürlich irgendwo in diesem Haushalt eine Bibel befindet. Eine luthrische nämlich, noch von der sehr protestantischen Großmutter väterlicherseits. Sehr alt, wunderschön. Wir können gerne die nehmen. –  hat der GG vorgeschlagen doch gemeinsam Weihnachtslieder zu spielen. Die Vorteile seien für mich enorm. Ich müsste nicht singen. Je nach aktuellem Passiv-Aggresivitäts-Level spiele ich zumindest Lip-Sync oder sitze mild lächelnd oder anteilnahmslos vor mich hinstarrend dabei, während die anderen singen. Und wir könnten auch modernere Lieder spielen. Jetzt sitze ich also da und übe Feliz Navidad und Last Christmas und verfluche George Michael, der ein relativ einfache Lied zähltechnisch wirklich kompliziert gestaltet hat.

Zudem habe ich mich zum allerersten Mal an Germteig-Krampussen versucht. Wenn man am Sonntag eh um halb acht wach wird, kann man ja gleich was für die Mädels beim Gilmore-Girls Marathon backen. Sie schmecken ja ganz gut. Vom Aussehen her erinnern sie allerdings eher an Meister Yodas für Schenkelfixierte. Ich fürchte, der GG hat noch einen weiten Weg vor sich, bei der Ent-Grinchung.

Einen Monat noch….

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In genau einem Monat ist Weihnachten und wie gewohnt bin ich jetzt schon in Grinch-Laune. Dass jeder freie Quadratmeter zwischen Transdanubien und Favoriten mit Punschhütten oder Standln mit oh so originalem Kunsthandwerk zugepflastert ist, wirkt zweifelsohne unterstützend für diese Stimmung. Dass dazwischen jetzt nicht mehr nur Horden von Touristen orientierungslos herumtapsen, sondern auch Einheimische in den unterschiedlichen Stadien des Angeschickertseins ebenso. Irgendetwas hat Weihnachten einfach, das bei mir einen emotionalen Beißreflex auslöst.

Zum einen die allgemeinen Umstände. Die überspannt-überladene Deko, fern jedes guten Geschmacks, die alles überzieht. Die immer gleichen Lieder egal wohin man geht, welchen Sender man einschaltet. Menschen zwischen Kaufrausch und Geschenkepanik, die durch die Straßen hecheln. Und alles unter dieser picksüßen vorweihnachtlichen Alkoholglocke, die sich spätestens ab Mitte November über die Stadt legt.

Zum anderen die privaten Implikationen. Das zu erwartende, weil oft genug erlebte, Drama. Der Eiertanz um die Befindlichkeiten der – möglichen- Protagonisten. Aber alles muss feierlich, ruhig, getragen sein. Weil es ist ja Weihnachten. Leichtigkeit hat hier nichts verloren.

Dabei gibt es durchaus Aspekte, die mich ansprechen. Ich packe irrsinnig gerne Packerln schön ein. Und manche Weihnachtslieder taugen mir wirklich. Und man will ja mit seiner mangelnden Vorfreude anders Gestimmten auch nicht in die Weihnachtsuppe spucken. Irgendwie. Und vielleicht hellt sich die Stimmung ja noch auf. In dem Sinne: In genau einem Monat ist Weihnachten. Olé, olé.

Von Katzen, Hunden und Bogenschützinnen

Es gibt so ein paar ungelöste Rätsel der Menschheit, mit denen ich regelmäßig konfrontiert bin. Etwa die Beschlagwortung in Fotoagenturen. Es ist zum Beispiel erstaunlich, wie oft ein Tiger zu sehen ist, wenn man einfach Katze gesucht hat. Würde man nicht Tiger eingeben, wenn man einen Tiger haben will? Na gut, Tiger sind Großkatzen und deshalb ist dieses Suchergebnis zumindest irgendwie nachvollziehbar. Warum ich allerdings bei den Suchworten Katzen+Aggression eine mitteljunge, schlecht-henna-gefärbte Dame in sehr knappen Hotpants und noch knapperem Oberteil mit einem Bogen über die Schulter geschwungen auf einem Felsen stehend (die Pose wird variiert) angeboten bekomme, ist mir tatsächlich ein Rätsel. Überhaupt tauchen in Verbindung mit dem Suchwort Katze sehr häufig nicht ganz vollständig bekleidete Frauen Marke Ost-Domina auf. Trauen sich Menschen, die derartige Fotos brauchen – für Kataloge? Broschüren? Plakate für die Erotikmesse? – nicht nach eindeutigeren Schlagworten zu suchen oder gibt es einen Code, ein spezielles Vokabular, das in diesem Fall angewandt wird. Ich wäre über Aufklärung wirklich sehr dankbar.

Vergleichsweise harmlos, wenn auch nicht weniger bedenklich, allerdings auf einer anderen Ebene, ist die Menge an Katzenbildern die kommen, wenn man Hund+Arzt+Stethoskop sucht. Kann ich bei vorigem Beispiel mir zumindest noch gewisse Erklärungen zusammenreimen, stehe ich hier wirklich an. Liebe Agentur-MitarbeiterInnen: Hunde und Katzen haben zwar beide vier Pfoten und ein Fell und sind die beliebtesten Haustiere, sind aber tatsächlich so gar nicht miteinander verwandt, verschwistert oder verschwägert. Wenn ich einen Hund will, will ich einen Hund. Wirklich.

Ist das nicht mehr modern? oder Wo ist die Selbstironie geblieben

Man soll ja seinen Horizont immer erweitern und offen für Neues sein. Also war ich kürzlich mit der lieben A. bei einem Galerien-Abend. Moderne also zeitgenössische Kunst ist für mich in den meisten Fällen ein spanisches Dorf aber ich gebe nicht auf. Was dann dazu führt, dass ich von Galerie zu Galerie, von Kunstwerk zu Kunstwerk stolpere und verzweifelt versuche, das Gesehene zu verstehen. Weil das ist ja die Crux an dieser aktuellen Kunst: Die hat eigentlich immer eine Botschaft, die sie aber gut zu verstecken weiß. Und wenn man dann niemanden bei der Hand hat, der da ein wenig Hintergrundinfo liefert, kann man also nur hoffen, dass das Ding wenigstens ästhetisch ansprechend ist. (Ist es meistens nicht). A. ist zwar wesentlich kunstaffiner – wollte das auch fast studieren – tut sich mit aber teilweise auch schwer. Die logische Konsequenz? Anstatt, dass wir die Kunst betrachtet haben, haben wir recht bald die Menschen beobachtet, die die Kunst betrachten. Ein wirklich erstaunlicher Blick eine Parallelwelt. Man muss scheinbar schon mit seinem extravaganten Kleidungsstil – relativ abenteurerlich um den Kopf gewickelte Tücher in Farben und Mustern, die ich schon für überwunden gehalten habe, sind da wieder en vogue – sagen: Hey, ich bin Teil der Kunstszene. Wichtig ist es auch mit konzentrierten Blick vor einem Bild stehen, das, sagen wir, weiß ist mit drei hellblauen Strichen, und bedeutungsschwere Sätze sagen wie: “Es ist unglaublich, wie der Künstler die Einsamkeit des Individuums in der Zeit der digitalen Revolution darstellt.” oder “Es geht so eine unfassbare Energie von diesem Werk aus.” oder “Also in seinem letzten Zyklus war er viel kompromissloser.” Was dann entweder zustimmendes Gemurmel nach sich zieht, gefolgt von einer tiefschürfenden Diskussion über das frühere Werk von Künstler X, der Ähnlichkeit zu Künstlerin Y oder dem generellen Sinnverlust unserer Gesellschaft oder heftigen Widerspruch erntet, gefolgt von einer tiefschürfenden Diskussion über das frühere Werk von Künstler X, der Ähnlichkeit zu Künstlerin Y oder dem generellen Sinnverlust unserer Gesellschaft. Was aber ganz verpönt zu schein sein, ist zu lächeln oder gar zu lachen. Tatsächlich habe ich praktisch ausschließlich ernste, intellektuell anspruchvolle Gesichtsausdrücke gesehen.

Was mich zu der Frage bringt: Wo bitte ist denn der Humor hin? Die (Selbst)-Ironie? Macht man das heute nicht mehr? Denn die Sache ist die: Die Kunstszene ist offensichtlich nicht die einzige, die sich selbst so irrsinng ernst nimmt. Und dabei gar nicht sieht, inkohärent ihr Verhalten oft ist, gar wie lächerlich sie in ihrer Ernsthaftigkeit und Selbstüberzeugung sind. Menschen mit zu engen oder einfach nur unvorteilhaft geschnittenen Hosen, die alles von ihrem Lebensmotto bis zu ihren Essgewohnheiten (was oft ein und dasselbe ist) auf ein Stoffsackerl gedruckt haben, sehen keine Dikrepanz darin, sich über Identitätsverlust im digitalten Zeitalter, Cybermobbing und dem Verlust sozialer Kompetenzen aufzuregen und gleichzeitig auf Instagram sämtliche Mahlzeiten, Outfits und Ortswechsel zu posten und nur noch über WhatsApp zu kommunizieren. Stadtmenschen, die sich um Urban Gardening-Parzellen prügeln, die sie dann mit einer erstaunlichen Ahnungslosigkeit (die durch einen Blick in ein Gartenbuch beseitigt werden könnte) mit einer Auswahl an Gemüsen vollstopfen, die niemand essen mag und die nährstoffanspruchstechnisch so überhaupt nicht zusammenpassen (bitte setzt ganz viel Mais, der laugt den Boden gar nicht aus), wollen dann schon irgendwie aufs Land ziehen, wo’s so schön ist, können für die Leute dort aber nur eine Mischung aus Verachtung, Mitleid und Herablassung zusammenkratzen. Menschen (Männer) jenseits der 30, die aufeinmal wieder (oder gar zum ersten Mal?) mit einem Skateboard – oh, Verzeihung, Longboard – durch die Straßen fahren, verstehen das Amüsement, das sie hervorrufen, so gar nicht. Wir lachen über Männer mit fliehendem Haaransatz, die sich fette Autos unter ihre immer schlaffer werdenden Hintern schnallen. Aber solche, die sich in einem letzten Aufbäumen ihres inneren Teenagers, der sich aufeinmal mit erwachsenen Dingen wie einem fixen Job, einer festen Beziehung und leiblichem Nachwuchs konfrontiert sieht, auf Holzbrettern mit vier Rädern dem Alterungsprozess davon rollen wollen um in den elysischen Feldern der ewigen Jugend zu verweilen, sollen wir Ernst nehmen? Ernsthat?

Ah, vielleicht liegt es an mir. Ich habe mich bisher selten ernst genommen. Ich lache über mich, wenn ich nur laufen gehen kann, wenn ich das richtige (sprich neue) Outfit dafür habe und wenn ich in einem seltenen Anfall von Sportehrgeiz mich über das Überschreiten der Wunschzeit bei einem Rennen ärgere. Ich lache über mich, wenn ich ganz unbedingt den Vorraum neu streichen muss, weil ich die Farbe nicht mehr aushalte und so auch gleichzeitig das Gefühl habe, umgezogen zu sein. Ich lache über mich, wenn Tage damit verbringen, die beste Ordnung meines Bücherregals zu überlegen. Ich lache über mich, wenn ich zum fotografieren einer Geschichte auf einem Stuhl stehend mit Leckerli vor einer Hundeschnauze wedeln muss, von einem Meerschweinchen angekackt werde oder bei über 30 Grad im Schweinestall stehe. Ich lache über mich, wenn ich bahnbrechende Reportagen über Schneeglöckchen, Schachbrettblumen oder Orchideen schreibe. Ich lache über mich, wenn ich während eines Telefongesprächs mit einem Tierarzt verzweifelt Begriffe google, nur um mitzukriegen, wovon um alles in der Welt der da redet. Was ich sagen will: Nehmt euch doch bitte nicht so ernst. Ein bisserl Selbstironie hat noch niemanden geschadet.

Geräuschkulisse

Ein Workshop zum Thema Geräusch im Grätzl hat mir nicht nur vor Augen geführt, wie leicht es ist, mit einem halbwegs guten Aufnahmengerät jemanden abzuhören, sondern auch, aus wie vielen Einzelgeräuschen sich die Geräuschkulisse “Stadt” eigentlich zusammensetzt. Doch neben, den steten Hintergrundgemurmel tun sich immer auch spezielle Geräusche hervor. Als home-office-Mensch, der ich aktuell bin, entwickelt man irgendwie auch aufgrund der Geräusche, die einen täglich umgeben, eine andere Beziehung zu seiner Wohnung. Finde ich halt. Da fällt einem auch auf, wie viele Menschen eigentlich tagsüber zu Hause sind. Vor allem, wenn man einen Innenhof hat und sein Büro ein Fenster zu diesem. Der sein Handwerk beherrschende Pianist macht mir zum Beispiel sehr viel Freude. Ein schöner Gegenpol zu unserer Nachbarin von unten, die eine zeitlang an ihr musikalisches Talent geglaubt hat und mit wenig Können aber dafür umso mehr Ausdauer jeden Sonntagmorgen den Floh-Walzer geübt hat. Als sich auch nach mehrwöchigem Abquälens kein Erfolg eingestellt hat, hat sie aufgegeben. Ich bin dankbar.

Die Nachbarin von nebenan hat einerseits einen kleinen Hund, der gerne anschlägt, andererseits einen wirklich hartnäckigen Husten. Den hatte sie schon vor unserem Frankreich-Jahr und irgendwie ist sie ihn noch immer nicht losgeworden. Das gelegentliches Gehüstel verfügt aber über ein verschwindend geringes Störpotential im Vergleich zum Beuschel-Reißen des Paares aus der Innenhofwohnung gegenüber. Vor allem Madame dürfte eine wirklich verschleimte Lunge haben. Wenn mir nicht jedesmal so schlecht dabei würde, wenn sie loslegt, hätte ich vielleicht Mitleid. Der Göttergatte rät mir ja bei Husten immer zu Inhalieren. Nun, das tut die Gute ja auch, aber halt nur aus der Bong. Dürfte nicht helfen.

Ein Hofbewohner spielt liebend gerne französische Chansons, sehr zu meiner Freude. Ein anderer liebt es zu Bohren. Eher nicht so zu meiner Freude. Entweder arbeitet er an einem Kunstwerk oder er hat inzwischen recht löchrige Wände. Die Nachbarin von oben mit dem extremen Fersentritt, die zudem bevorzugt um zwei in der Früh steppgetanzt hat – nachdem ich dann bei ihr auf der Matte gestanden bin, hat sie das doch unterlassen – ist glücklicherweise ausgezogen. Die neuen Nachbarn sind eher sanfte Schleicher.

Ich persönlich bin natürlich die beste Nachbarin von allen. Mit einem eklektischen Musikgeschmack, sanftem Auftreten und keinen lauten chronischen Krankheiten

Vom Suchen (und Finden?)

Jetzt ist es also passiert. Eineinhalb Jahre sind um. Au revoir, la France. Servus, Österreich. Nein, ich werde mich jetzt nicht darüber auslassen, wie schnell doch die Zeit vergangen ist. (Auch wenn sie wirklich schnell vergangen ist.) Dafür hab ich jetzt nämlich keine Zeit. (Ihr seht, was ich hier gemacht habe? Spielende Wortwiederholungen. Wiederholendes Wortspiel.) Ich muss mich jetzt nämlich wieder vermehrt auf meine Karriere konzentrieren. Das lockere Leben ist vorbei. Jetzt muss wieder mehr Geld verdient werden. Wie genau das passieren soll, weiß ich zwar noch nicht, aber das ist ja kein Grund zu verzweifeln. Ich steh einfach vor dem Problem, das alle haben, die aus einer langen Beziehung kommen: Wie genau funktioniert das noch schnell, mit den Verabredungen, die jetzt Dates heißen? Wie bin ich möglichst schnell wieder kein Single?

Ich muss jetzt also Menschen finden, die mich anheuern, um für sie zu schreiben. So, jetzt wird wahrscheinlich kaum jemand einfach so an meiner Haustür läuten und mich mit Arbeit versorgen. Auch wenn ich einen großen Pfeil mit “Für Schreiberlingin hier klingeln” neben die Türglocke hänge. Vielmehr obliegt es mir, an Türen zu klingeln, Klinken zu putzen, auf Knien zu rutschen (aber letzteres wirklich nur im Notfall. Ich habe noch meine Würde.) Ich muss also präsent, sichtbar, auffällig, erreichbar, lästig sein. I have to put myself out there. Und im digitalen Zeitalter heißt das auch seine Social-Media-Profile aufzumotzen. Ich bin ja wirklich ganz schlecht in sowas. Ich kann mich immer kurz begeistern und dann schau ich Monate nicht rein. Außer Instagram. Aber da sind so hübsche Bilder. Jetzt sitze ich, eine der schlechtesten Netzwerkerinnen unter der Sonne, da und lege Profile auf Journalistenplattformen an, bringe bestehende Arbeitsplattforms-Profile auf den neuesten Stand und ergänze, was noch zu ergänzen ist. Und bemerke, dass ich ganz dringend neue Profilfotos brauche. Dieses halbirre Grinsen ist wahrscheinlich wenig hilfreich. Die persönliche Kurzbeschreibung heb ich mir für einen ganz besonders kreativen Moment auf. Und die Zeile für inspirierende Zitate, Lebensmotto wohl besser auch. Sonst steht da “Will write for food”. Wobei das am ehrlichsten wäre.

Planungsfehler

Ich frage mich ja oft, ob gewisse architektonische oder designtechnische Auswüchse vorab auf ihre Praktikabilität getestet wurden. Oder ob die entwickelnde Person auch nur einen winzigen Gedanken daran verschwendet hat, dass dieser Raum von einem tatsächlichen Menschen bewohnt, dass jener Gegenstand von einem Menschen benutzt werden soll. Etwa wenn ich in Marseille im großen goldenen M stehe (Erstaunlicherweise sind Supermärkte ja immer dann nicht in ausreichender Dichte vorhanden, wenn die Not am größten ist) und aufgrund von drohender Unterzuckerung in Kombination mit Dehydrierung ganz dringend ein Cola brauche. Ist ja auch ein Schnell-Ess-Lokal, was mir entgegenkommt. Soll ja schnell gehen. Aber da hab ich die Rechnung wohl ohne den Wirten also ohne Mr. Ronald gemacht. Weil da gibt es jetzt ein neues System. Denn um hier jetzt etwas zu essen oder trinken zu bekommen, stellt man sich nicht mehr am Schalter an und bestellt und kriegt das Zeugs dann. Nein, nein. Man stellt sich zuerst bei einem Touchscreen an, um sich dann mit Bon bei einem Schalter noch einmal anzustellen. Ist ja ein viel besseres System. Funktioniert auch total gut. So schnell und so. Derartige Schwachsinnigkeiten machen mich ja schon in einem zuckertechnisch ausgeglichenem Zustand unrund. Wenn ich dann aber auch noch wirklich durstig bin und wirklich ein Zuckerwasser will, dann sinkt mein Stimmungsbarometer ganz schnell noch viel weiter nach unten. Und die Schimpfwortfrequenz erhöht sich enorm. Da stehe ich also vor diesem verf…. Touchscreen und muss mich selbst durch gefühlte 50 Seiten klicken nur um ein deppertes Cola zu kriegen. Gut geschafft. Dann geht’s ans Zahlen. Und wo genau finde ich den Schlitz und die Tastatur für die Bankomatkarte? Na da, wo es am praktischsten ist. Unterm Touchscreen, auf Kniehöhe. Während ich also halb vornübergeugt, halb hockend bezahlt habe – das ganze Yoga macht sich endlich bezahlt- habe ich dem Designer dieses Gerätes neben Pest und Verdammnis auch noch gleich die vier Reiter der Apokalypse, Haarausfall und einen Totalabsturz seines Computers an den Hals gewünscht. Dafür, dass ich meine Würde in irgendeinem McDonalds in Marseille begraben habe.

Der Gute ist aber leider nicht alleine in seiner herausragenden Inkompetenz. Vor allem was die Gestaltung von öffentlichen Toiletten angeht gibt es ja wahre Gustostückerln, wenn man das so sagen darf. Nur allzu oft steht man nach Betreten der Kabine praktisch in der Kloschüssel. Erstaunlicherweise auch bei nigelnagelneuen Toilettanlagen, die durch einen großzügigen Eingangsbereich glänzen. Dass es wichtiger ist in den Kabinen Platz zu haben, als vorm Waschbecken hat sich noch nicht so durchgesprochen. Eine Herausforderung sind auch jene Klos, die aufgrund ihrer Hänghöhe entweder zu hoch oder zu tief für die beliebte Schranzhocke, die klassische Urinierhaltung für Damen in öffentlichen Toiletten, sind. Der absolute Gewinner in der Kategorie Planungsfehler beim Klo sind jene im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hier in Strasbourg. Fangen wir vielleicht im Eingangsbereich an. Manchmal will man sich ja nur die Hände waschen, die Nase pudern. Das Händewaschen kriegt man vielleicht noch hin. Ist zwar etwas unpraktisch, die Waschbecken in etwa Mitte Oberschenkel zu hängen, aber es geht. Dass die Spiegel allerdings auch auf dieser Höhe platziert sind, lässt schon auf einen Mangel an Hausverstand schließen. Muss man dann aber tatsächlich, beginnen die Probleme erst so richtig. Um sich in der Kabine halbwegs wohlfühlen zu können, sind eine Körpergröße von unter 150 cm und ein Körpergewicht von unter 45 Kilo empfohlen. Alles andere wird eng. Als das Gebäude in den 90ern gebaut wurde, hat es scheinbar noch nicht diese Hygieneartikel-Mülleimer gegeben. Jedenfalls steht jetzt ein derartiges überdimensioniertes Plastikteil drinnen. Will man rein, muss man das Ding möglichst weit nach hinten schieben. Um zur Kloschüssel zu kommen, muss man das Riesenteil dann bei geschlossener Tür vor eben diese bugsieren. Das wahre Highlight an dem Ganzen ist allerdings die Spülung. Die befindet sich nämlich zehn Zentimeter neben und fünf Zentimeter über der Kloschüssel. Und ist schwer drückbar. Die einzige Möglichkeit sie zu bedienen ist tief über der Kloschüssel zu lehnen. Darf ich anmerken: Es gibt Angenehmeres. Und darf ich fragen: Wem darf ich einen gut platzierten und wohlgemeinten Schlag auf den Hinterkopf verpassen? Der soll nämlich das Denkvermögen erhöhen.

Vom Kreativsein mit Steinen und Tangeln mit Folie

Ich bin ja wirklich leicht zu unterhalten, aber ich denke der Buchtitel “ZenStones – Mandalasteine zum Entspannen und Kreativsein” hat auch für Menschen, denen viel schwerer ein Lächeln abzuringen ist, Potential. Wem die schnöden Steine zu wenig Herausforderung sind kann sich übrigens auch “Zengami Color – Ausmalen und falten zum Entspannen und Glücklichsein” oder “Zengami Tangle-Tanglen und falten zum Entspannen und Glücklichsein” oder meinen absoluten Favoriten “ZenJEWELS- Auf magischer Shrinky-Folie tangeln und ausmalen” zulegen. Wenn etwas magisch ist, bin ich dabei. Ah, Sternenstaub und Einhornhaar! Wenn ich jetzt noch herauskriege was eine Shrinky-Folie ist und was man beim Tangeln so macht, steht meiner Kreativität und meinem Glücklichsein nichts mehr im Weg. Einstweilen muss ich halt auf Altbewährtes zurückgreifen: Musik, mit Mademoiselle Muz spielen, Otterbilder und Sneezing Panda.

Man möchte ja nämlich glauben, dass so ein Urlaub in südlichen Gefilden total lange nachwirkt. Aber wenn sich die Sonne seit Anfang des Monats exakt zweimal gezeigt hat, hilft es auch nix, dass man einen Monat vorher eine Woche lang durchgehend Vitamin D produzieren konnte. Von wegen Akkus aufladen, das ist mehr so wie ein Blitz – hat zwar superviel Energie aber zum speichern halt oasch. Wobei das jetzt nicht heißen soll, dass das umsonst war. Da muss man ja aufpassen, sonst liest der Göttergatte das und denkt sich: “Wenn lange Sonne keinen nachhaltigen Effekt, dann sparen wir uns in Zukunft die acht Stunden Flug.” Weil der Effekt ist ja da, aber eine Woche Sonne steht gegen drei Wochen Wolkendecke. Das ist ja einfachste Mathematik. Das kann sich nicht ganz ausgehen.

Jetzt wird hier aber nicht (schon wieder) Selbstmitleid versprüht, keine Sorge. Geht sich zeitlich auch gar nicht aus, ich hab’ nächste Woche eine Abgabe. Otterbilder und Sneezing Panda könnt ihr selber finden und die Mademoiselle kann ich nicht verborgen, aber die richtige Musik zum Einschwingen ins Wochenende, die kann ich liefern. Et voilá!

Nix mit Zen

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Warum gibt es eigentlich so viele Deppen auf der Welt? Und wenn jemand schon nicht per se ein Trottel ist, warum verhält er sich dann doch oft so? Gibt es da einen Schlenkerer in der Doppelhelix, der bewirkt, dass die Menschen manchmal einfach austicken? Ich mein, ich verstehe schon, dass man vielleicht Stress hat, dass irgendwelche Sachen nicht funktionieren, dass es privat nicht so läuft…was weiß ich. Aber wenn mir der Arsch auf Grundeis geht, kann ich doch trotzdem nicht alle in meinem Umfeld deppert angehen, oder? Wenn ich am Zahnfleisch gehe, lasse ich es doch auch nur am Göttergatten aus. Ja, der kann meistens auch nichts dafür, aber der kennt mich gut genug, das nicht allzu persönlich zu nehmen. Und so werden zumindest die Leute verschont, mit denen ich zusammenarbeite. Was zumindest einigermaßen professionell ist. Ich habe Jahre in einem Arbeitsumfeld verbracht, bei dem zu viele Menschen ihre Seelenzustände ungefiltert an die Arbeitsumgebung abgegeben haben. Und ich habe ganz ehrlich keine Lust mehr, mich in regelmäßigen Abständen mit den Befindlichkeiten von Menschen herumzuschlagen, mit denen ich privat Nüsse zu tun habe. Vielleicht erstaunt es mich aber auch nur festzustellen, dass ich nicht die emotionalste Person im Raum (gerne auch virtuell) bin. Ich werde im Alter ja auch tatsächlich weiser. Ich schicke zum Beispiel nicht immer alle Mails los. Jenes mit: “Nimm deine Tabletten.” etwa, habe ich wieder gelöscht. Aber ernsthaft, können die Leute einfach einmal nicht deppert sein?