Rosa Brille

Kinder, wie die Zeit vergeht. Und ja, es stimmt, was alle sagen: An Kindern sieht man das besonders gut. Den grade war Mademoiselle noch ein frischgeschlupftes rosa Minizwutsch und schon ist sie aus allen Anfangssachen rausgewachsen, kann ihren Kopf halten und übt den Unterarmstütz. Natürlich ist sie das beste Baby ever – trust me, I made her – und ich könnte jetzt seitenweise von Mademoiselle N. schwärmen, aber da gibt es etwas, das mich vor allem die letzten acht Wochen sehr beschäftigt.

Warum, frag ich euch, warum sind alle Mädchenbabysachen rosa. Oder pink. Oder wenn es Richtung unisex geht gibt es maximal Grau, Beige oder Weiß. Alles so gedeckte Farben. Wo bleiben die quietschbunten Babysachen (und ich bin wirklich sehr viele Geschäfte abgeklappert) oder bin ich aktuell die einzige, die findet, dass Babys bunt angezogen sein sollten. Zumindest hin und wieder. Und dass diese rosa-himmelblau Geschlechterdefinition schrecklich ist und ungeahnte Ausmaße annimmt. Aus Erfahrung kann ich nach neun Wochen sagen: Sobald ein Baby nicht rosa angezogen ist, dann wird angenommen, dass es ein Bub ist. Egal, ob es jetzt meiner Meinung nach völlig unisex im blau-weiß gestreiften Strampler mit rotem Westerl unterwegs ist oder grüne Wollsocken trägt oder in einem dunkelblauen Schianzugsack steckt. Und auch wenn ich mich nicht sehr gerne auf die Vergangenheit als so viel besser berufe, aber das war früher schon anders und meines Erachtens nach besser. Ich finde es tatsächlich schrecklich, schon Frischgeschlupfte in die “richtigen” weil geschlechterdefinierenden Farben zu packen. Ich habe jetzt nicht per se etwas gegen Rosa. Es gibt eh süße rosa Sachen, aber es gibt halt nur rosa und die getrennte Kleidung ist ja nur ein Vorbote für all die anderen Geschlechtertrennungen im Kindesalter. Eigene Wasserflaschen, Bücher, Überraschungseier – you name it. Mädchen sind Prinzessinnen, Buben Piraten. Mädchen kriegen hübsches, häusliches Spielzeug, Buben Basteleien und Waffen. Es wird eine ganz schöne Herausforderung meine Tochter davor zu bewahren, das sie zu früh in irgendwelche Rollenbilder hineingepresst wird, die wohl deshalb von der Industrie so forciert werden, weil sie dadurch mehr verkaufen kann. Denn wenn alles so spezifisch auf ein Geschlecht zugeschnitten ist, muss man ja im Falle von zumindest zwei Kindern unterschiedlichen Geschlechts alles doppelt kaufen. Mademoiselle N. hingegen trägt einstweilen die Sachen vom Cousin nach. Glücklicherweise haben wir genug Kleidung geschenkt bekommen – in rosa natürlich- sodass ich nicht ständig sagen muss: Nein, das ist ein Mädchen.

Ist das nicht mehr modern? oder Wo ist die Selbstironie geblieben

Man soll ja seinen Horizont immer erweitern und offen für Neues sein. Also war ich kürzlich mit der lieben A. bei einem Galerien-Abend. Moderne also zeitgenössische Kunst ist für mich in den meisten Fällen ein spanisches Dorf aber ich gebe nicht auf. Was dann dazu führt, dass ich von Galerie zu Galerie, von Kunstwerk zu Kunstwerk stolpere und verzweifelt versuche, das Gesehene zu verstehen. Weil das ist ja die Crux an dieser aktuellen Kunst: Die hat eigentlich immer eine Botschaft, die sie aber gut zu verstecken weiß. Und wenn man dann niemanden bei der Hand hat, der da ein wenig Hintergrundinfo liefert, kann man also nur hoffen, dass das Ding wenigstens ästhetisch ansprechend ist. (Ist es meistens nicht). A. ist zwar wesentlich kunstaffiner – wollte das auch fast studieren – tut sich mit aber teilweise auch schwer. Die logische Konsequenz? Anstatt, dass wir die Kunst betrachtet haben, haben wir recht bald die Menschen beobachtet, die die Kunst betrachten. Ein wirklich erstaunlicher Blick eine Parallelwelt. Man muss scheinbar schon mit seinem extravaganten Kleidungsstil – relativ abenteurerlich um den Kopf gewickelte Tücher in Farben und Mustern, die ich schon für überwunden gehalten habe, sind da wieder en vogue – sagen: Hey, ich bin Teil der Kunstszene. Wichtig ist es auch mit konzentrierten Blick vor einem Bild stehen, das, sagen wir, weiß ist mit drei hellblauen Strichen, und bedeutungsschwere Sätze sagen wie: “Es ist unglaublich, wie der Künstler die Einsamkeit des Individuums in der Zeit der digitalen Revolution darstellt.” oder “Es geht so eine unfassbare Energie von diesem Werk aus.” oder “Also in seinem letzten Zyklus war er viel kompromissloser.” Was dann entweder zustimmendes Gemurmel nach sich zieht, gefolgt von einer tiefschürfenden Diskussion über das frühere Werk von Künstler X, der Ähnlichkeit zu Künstlerin Y oder dem generellen Sinnverlust unserer Gesellschaft oder heftigen Widerspruch erntet, gefolgt von einer tiefschürfenden Diskussion über das frühere Werk von Künstler X, der Ähnlichkeit zu Künstlerin Y oder dem generellen Sinnverlust unserer Gesellschaft. Was aber ganz verpönt zu schein sein, ist zu lächeln oder gar zu lachen. Tatsächlich habe ich praktisch ausschließlich ernste, intellektuell anspruchvolle Gesichtsausdrücke gesehen.

Was mich zu der Frage bringt: Wo bitte ist denn der Humor hin? Die (Selbst)-Ironie? Macht man das heute nicht mehr? Denn die Sache ist die: Die Kunstszene ist offensichtlich nicht die einzige, die sich selbst so irrsinng ernst nimmt. Und dabei gar nicht sieht, inkohärent ihr Verhalten oft ist, gar wie lächerlich sie in ihrer Ernsthaftigkeit und Selbstüberzeugung sind. Menschen mit zu engen oder einfach nur unvorteilhaft geschnittenen Hosen, die alles von ihrem Lebensmotto bis zu ihren Essgewohnheiten (was oft ein und dasselbe ist) auf ein Stoffsackerl gedruckt haben, sehen keine Dikrepanz darin, sich über Identitätsverlust im digitalten Zeitalter, Cybermobbing und dem Verlust sozialer Kompetenzen aufzuregen und gleichzeitig auf Instagram sämtliche Mahlzeiten, Outfits und Ortswechsel zu posten und nur noch über WhatsApp zu kommunizieren. Stadtmenschen, die sich um Urban Gardening-Parzellen prügeln, die sie dann mit einer erstaunlichen Ahnungslosigkeit (die durch einen Blick in ein Gartenbuch beseitigt werden könnte) mit einer Auswahl an Gemüsen vollstopfen, die niemand essen mag und die nährstoffanspruchstechnisch so überhaupt nicht zusammenpassen (bitte setzt ganz viel Mais, der laugt den Boden gar nicht aus), wollen dann schon irgendwie aufs Land ziehen, wo’s so schön ist, können für die Leute dort aber nur eine Mischung aus Verachtung, Mitleid und Herablassung zusammenkratzen. Menschen (Männer) jenseits der 30, die aufeinmal wieder (oder gar zum ersten Mal?) mit einem Skateboard – oh, Verzeihung, Longboard – durch die Straßen fahren, verstehen das Amüsement, das sie hervorrufen, so gar nicht. Wir lachen über Männer mit fliehendem Haaransatz, die sich fette Autos unter ihre immer schlaffer werdenden Hintern schnallen. Aber solche, die sich in einem letzten Aufbäumen ihres inneren Teenagers, der sich aufeinmal mit erwachsenen Dingen wie einem fixen Job, einer festen Beziehung und leiblichem Nachwuchs konfrontiert sieht, auf Holzbrettern mit vier Rädern dem Alterungsprozess davon rollen wollen um in den elysischen Feldern der ewigen Jugend zu verweilen, sollen wir Ernst nehmen? Ernsthat?

Ah, vielleicht liegt es an mir. Ich habe mich bisher selten ernst genommen. Ich lache über mich, wenn ich nur laufen gehen kann, wenn ich das richtige (sprich neue) Outfit dafür habe und wenn ich in einem seltenen Anfall von Sportehrgeiz mich über das Überschreiten der Wunschzeit bei einem Rennen ärgere. Ich lache über mich, wenn ich ganz unbedingt den Vorraum neu streichen muss, weil ich die Farbe nicht mehr aushalte und so auch gleichzeitig das Gefühl habe, umgezogen zu sein. Ich lache über mich, wenn Tage damit verbringen, die beste Ordnung meines Bücherregals zu überlegen. Ich lache über mich, wenn ich zum fotografieren einer Geschichte auf einem Stuhl stehend mit Leckerli vor einer Hundeschnauze wedeln muss, von einem Meerschweinchen angekackt werde oder bei über 30 Grad im Schweinestall stehe. Ich lache über mich, wenn ich bahnbrechende Reportagen über Schneeglöckchen, Schachbrettblumen oder Orchideen schreibe. Ich lache über mich, wenn ich während eines Telefongesprächs mit einem Tierarzt verzweifelt Begriffe google, nur um mitzukriegen, wovon um alles in der Welt der da redet. Was ich sagen will: Nehmt euch doch bitte nicht so ernst. Ein bisserl Selbstironie hat noch niemanden geschadet.

On the road

By Dirk Vorderstraße - Autobahn, Kamener Kreuz, Rush Hour, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31871881

Der Sommer ist nach einem wirklich herrlichen Wochenende jetzt wohl so richtig vorbei und auch diese Saison hat Paula Polo einige Kilometer abgespult. Die Destinationen waren diesmal zugegebenermaßen nicht so originiell. Eigentlich ging es nur zwischen Wien und Kärnten hin und her, aber das läppert sich ja auch zusammen. Wenn man also recht häufig die gleiche Strecke fährt, weiß man nicht nur, welche Abschnitte einen aufgrund von Baustellen in den Wahnsinn treiben – bin ich die einzige, die Asfinag-Mitarbeiter mit diesen dämlichen Smiley-Hütchen-Schildern verprügeln möchte? – sondern auch die besten Stellen für Klo- und Erfrischungspausen. Und taucht dabei in interessante Paralellwelten ein. Wenn man die S6 nimmt und also über den Semmering fährt und weiter Richtung Obdacher Sattel, liegt die wunderbare M-Rast recht genau in der Mitte, also bei Zeltweg. Hierbei handelt es sich um eine Tankstelle/Restaurant, das sowas wie der fortgehtechnische und kulinarische Hotspot der Gegend sein dürfte. Denn es ist dort immer gerammelt voll. Und das mit Einheimischen, wie die Nummernschilder immer verraten. Mich persönlich fasziniert so etwas ja. Möglicherweise, weil ich nie auf die Idee kommen würde, einfach so zur nächstegelegenen Raststation zum Mittag- oder Abendessen zu fahren. Aber es dürfte weiterverbreitet sein, als ich bisher angenommen habe. Bei einem Interviewtermin auf der Raststation bei Stockerau habe ich festgestellt, dass ungefähr 90 Prozent, der Menschen, die dort zum Essen hingehen, aus der Gegend kommen. Jetzt habe ich natürlich das Gefühl, mir entgeht etwas. Ist das ein neuer Trend und ich habe schon wieder nichts mitgekriegt? Macht man das jetzt? Wenn ich jetzt auf diesen Zug aufspringe, wirke ich dann wie eine armselige Nachahmerin oder ist es gerade noch rechtzeitig? Für Durchreisende bietet die M-Rast übrigens eine gutsortierte Haribo/Lachgummi-Abteilung sowie einen wirklich vorzüglichen Käseleberkäse.

Auf der A2 hat man natürlich eine größere Auswahl an Rastmöglichkeiten. Wer sich aber sich aber wie ich über Raststätten mit kostenpflichtigen WC-Anlagen ärgert und wirklich nicht noch einen 50 Cent-Gutschein ansammeln möchte (vom letzten Jahr habe ich noch einen Stapel an Gutscheinen von deutschen Autobahnen, die mir zusammengezählt wohl eine halbe Tankladung finanzieren würden), wem es auch weder um Benzin- noch Nahrungsaufnahme geht, dem seien die Asfinag-Rastplätze empfohlen. Als Zusatzleistung bekommt man, zumindest wenn man nächtens dort anhaltet, einen spannenden Einblick in das Leben von LKW-Fahrern und die, sagen wir, Auto-Reisetechniken von Menschen aus Osteuropa. Diese beinhalten nicht nur, das Auto bis auf den letzten Kubikzentimeter vollzustopfen (eine Technik, die ich persönlich dieses Frühjahr bei der Übersiedelung aus Frankreich perfektionieren konnte) und Nahrung für fünf Personen für eine Woche mitzuführen, sondern auch die Fähigkeit binnen kürzester Zeit ein Zelt an der WC-Anlagen-Mauer aufzubauen sowie Wäsche in den WC-Waschbecken zu reinigen und anschließend an den Händetrocknern zu trocknen. Beim dritten Mal hat mich der Anblick die jeweiligen rumänischen/bulgarischen Dame, die die Schießer-Feinripp-Hoserln ihres Gatten unterm Dyson getrocknet hat, gar nicht mehr überrascht. Jedenfalls gäbe das eine ganz wunderbare Alltagsgeschichte ab, liebe Frau Spira.

Willkommen auf der langen Bank

Es ist schon erstaunlich, was man alles tun kann, bevor man etwas tut. Oder anders gesagt: Welche Aufgaben einem einfallen können, nur um von der eigentlichen abzulenken. Mir war bisher schon bewusst, dass das weite Feld der Prokrastination von mir mit Hingebung beackert wird, aber diesmal, das gebe ich zu, hab ich mich selbst übertroffen. Wobei, um mich jetzt selbst in Schutz zu nehmen: Ein gutes Umfeld, ein sauberes, ein ordentliches ist für mich essentiell zum Arbeiten. Nachdem ich nach der Rückkehr aus der Grande Nation in den Feng-Shui-Declutter-Modus geschaltet habe – was mir einen relativ leeren Kleider- und Schuhschrank beschert sowie die Kramurilade ausgelöscht hat, ging es an die Gestaltung des Wohnraums. Küche und Vorzimmer wurden neu ausgemalt, das Büro umgestaltet. Nachdem der Göttergatte nun ein nicht ganz scherzhaftes Verbot bezüglich einer Neubepinselung des Schlafzimmers (das Wohnzimmer wurde vor zwei Jahren erst neu ausgemalt) ausgesprochen hat, hab ich nun tatsächlich das Ende der langen Bank erreicht. Fühlt sich eigentlich ganz gut an. Also bis auf ein schönes Maß an Versagensängsten, die sich gerne unvermutet und von hinten an einen ranschleichen. Oder Selbstzweifel, die sowohl getrennt als auch in Begleitung der VÄ erscheinen. Jetzt wäre es für mein Seelenheil natürlich mäßig förderlich, diese alle ungebremst zuzulassen. Hilft ja auch nicht beim selbstbewussten Auftritt. Die Lösung? Na wie immer: Selbstmitleid in Dosen und sich dann anschließend wieder in den Hintern treten und weitermachen. Klappt bisher ganz gut. Und weil’s so schön ist, die Hymne für alle ProkastinatorInnen da draußen.

Les Miserables 25th Anniversary concert-One day more from Y on Vimeo.

Geräuschkulisse

Ein Workshop zum Thema Geräusch im Grätzl hat mir nicht nur vor Augen geführt, wie leicht es ist, mit einem halbwegs guten Aufnahmengerät jemanden abzuhören, sondern auch, aus wie vielen Einzelgeräuschen sich die Geräuschkulisse “Stadt” eigentlich zusammensetzt. Doch neben, den steten Hintergrundgemurmel tun sich immer auch spezielle Geräusche hervor. Als home-office-Mensch, der ich aktuell bin, entwickelt man irgendwie auch aufgrund der Geräusche, die einen täglich umgeben, eine andere Beziehung zu seiner Wohnung. Finde ich halt. Da fällt einem auch auf, wie viele Menschen eigentlich tagsüber zu Hause sind. Vor allem, wenn man einen Innenhof hat und sein Büro ein Fenster zu diesem. Der sein Handwerk beherrschende Pianist macht mir zum Beispiel sehr viel Freude. Ein schöner Gegenpol zu unserer Nachbarin von unten, die eine zeitlang an ihr musikalisches Talent geglaubt hat und mit wenig Können aber dafür umso mehr Ausdauer jeden Sonntagmorgen den Floh-Walzer geübt hat. Als sich auch nach mehrwöchigem Abquälens kein Erfolg eingestellt hat, hat sie aufgegeben. Ich bin dankbar.

Die Nachbarin von nebenan hat einerseits einen kleinen Hund, der gerne anschlägt, andererseits einen wirklich hartnäckigen Husten. Den hatte sie schon vor unserem Frankreich-Jahr und irgendwie ist sie ihn noch immer nicht losgeworden. Das gelegentliches Gehüstel verfügt aber über ein verschwindend geringes Störpotential im Vergleich zum Beuschel-Reißen des Paares aus der Innenhofwohnung gegenüber. Vor allem Madame dürfte eine wirklich verschleimte Lunge haben. Wenn mir nicht jedesmal so schlecht dabei würde, wenn sie loslegt, hätte ich vielleicht Mitleid. Der Göttergatte rät mir ja bei Husten immer zu Inhalieren. Nun, das tut die Gute ja auch, aber halt nur aus der Bong. Dürfte nicht helfen.

Ein Hofbewohner spielt liebend gerne französische Chansons, sehr zu meiner Freude. Ein anderer liebt es zu Bohren. Eher nicht so zu meiner Freude. Entweder arbeitet er an einem Kunstwerk oder er hat inzwischen recht löchrige Wände. Die Nachbarin von oben mit dem extremen Fersentritt, die zudem bevorzugt um zwei in der Früh steppgetanzt hat – nachdem ich dann bei ihr auf der Matte gestanden bin, hat sie das doch unterlassen – ist glücklicherweise ausgezogen. Die neuen Nachbarn sind eher sanfte Schleicher.

Ich persönlich bin natürlich die beste Nachbarin von allen. Mit einem eklektischen Musikgeschmack, sanftem Auftreten und keinen lauten chronischen Krankheiten

Das lange Warten auf den Mußenkuss

Bildschirmfoto 2015-06-18 um 09.55.46

Wenn man sich so durch Forschungsnewsletter liest, stößt man ja immer wieder auf Faszinierendes. Manche sind in ihrer Aussage recht eindeutig, wie “Hunde können menschlichen Blicken folgen”. Andere lassen etwas mehr Spielraum, wie “Fledermäuse düngen tropische Bäume”. Und andere wiederum lassen mich vollkommen im Dunkeln stehen, siehe “Bestätigung von Neutrinooszillationen”. Die einzige Verbindung, die sich hier in meinem Hirn aufbaut, ist von unserem Physiklehrer, der und den “Oszi”, wie er den “Oszillator” liebevoll nannte, gezeigt hat. Das war irgendso ein Kastl, an dem er wie blöd gekurbelt hat. Und dann hätten wir auf einem Bildschirm “Oszillationen” sehen sollen. Was soll ich sagen: Die Physik ist nach wie vor ein Faraday’scher Käfig für mich.

Spannend sind natürlich auch Entdeckungen, die von praktischem Nutzen sein können wie jene des Löwenzahnkautschuks. Forscher haben herausgefunden, dass man aus der Latexmilch des russischen Löwenzahns super Kautschuk machen kann. Das soll die Kautschukbäume entlasten. Der russische Löwenzahn kann scheinbar auch ganz locker in Mitteleuropa angebaut werden. Und so schön ich die (Er)Findung einer Alternative auch finde, haben wir uns schon überlegt, dass wir damit wiedermal einen Neophyten “kreieren” und nicht wirklich sagen können, was in weiterer Folge dabei rauskommt? Weil bekanntermaßen bleiben die Samen von so Pflanzen nicht auf das Feld, auf das sie ausgetragen werden beschränkt. Genausowenig wie Insekten in dem Glashaus bleiben, in das man sie gesteckt hat. Asiatischer Marienkäfer, anybody? Aber lassen wir das. Weil eigentlich geht es um was ganz anderes. Wissenschaftler und ihre Entdeckungen, nämlich. So haben Hirnforscher scheinbar auch entdeckt, dass Langeweile ganz super sein soll. Für das Gehirn. Wir sprechen hier jetzt nicht von einem ständigen Angeödet sein. Vielmehr nutzt das Hirn gelegentliche Leerläufe offensichtlich, um Erlerntes und Erlebtes zu verarbeiten, kreative Prozesse in Gang zu setzen, das autobiographische Gedächtnis zu befüllen oder auch an der Selbsterkenntnis zu arbeiten. Wenn wir einmal genau nix tun, dann werden gewisse Areale des Hirns ganz wuschig und werkeln wie die Doozers in den Höhlen von Fraggle Rock. Genau diese Nervenareale haben aber Pause, wenn wir unser Hirn dann wirklich beschäftigen. Jetzt heißt “dem Hirn Ruhe gönnen” aber nicht automatisch, dass man nur dasitzt und ins Leere starrt. Monotone Tätigkeiten sollen ihre Wirkung auch nicht verfehlen. Bei einem Telefonat mit meiner Schwester – mit dem ich mich ehrlicherweise von der stupiden Aufgabe des Rechnungensortierens ablenken wollte – hat sie mir auf meine Jammerlitanei hin erklärt, dass das jetzt auch ganz super für mein Hirn sein soll. Das Sortieren, nicht das Jammern. Weil es sich ausrasten kann. Sie würde gerade bügeln. Ihr Hirn wäre auch nicht so übermäßig beschäftigt. Ein Psychologe wurde nämlich zum Bestseller 2014 in Ö befragt – irgendwas mit Mandala-Malen – ob das jetzt nicht wirklich der intellektuelle Untergang des Abendlandes wäre. Der Gute widersprach heftig, weil wir uns eben zu wenig Muße, zu wenig Langeweile gönnen würden. Und das Gehirn solche Regenerationsphasen brauchen würde.

Mein Hirn scheint nach Wochen des Wartens auf den Mußenkuss recht ausgerastet zu sein. Und ich bin wieder etwas beruhigt. Die Sache ist nämlich die: Wenn man mehr Zeit für sich an der Hand hat, als man es die letzten Jahre gewöhnt war, dann hat man das Gefühl, man muss diese Zeit auch so richtig nutzen: Jetzt kann ich endlich das alles machen, was ich immer aufgeschoben habe. Jetzt ist die Zeit gekommen, um meiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Jetzt kann ich endlich jeden Tag tolle Blogposts schreiben. Jetzt! Jetzt! So, und dann sitzt man da und es geht einmal gar nix. Nada. Nichts fließt. Meine Damen und Herren, ich denke das nennt man einen klassischen Writer’s Block. Das nervt, auch wenn man keine Deadline hat. Und lässt dann durchaus Zweifel aufkommen. An den eigenen Fähigkeiten, an den eigenen Ideen, an einem selbst. Und dann, eines Tages wacht man auf und es fallen einem die Worte ein, die Sätze nehmen im Kopf Gestalt an und man muss sich ganz schnell hinsetzen und sie aufschreiben. Ok, zuerst einen Tee trinken und dann mit dem Schreiben beginnen. Und es macht wieder Spaß. So richtig. Und das alles glücklicherweise bevor ich meine Spidersolitär-Bestleistungen aus dem Jahr 2003 (oder war es 2004) toppen konnte und lange bevor mich Mah Jongg wieder in ihren Fängen hatte. Pfuh, das war knapp.

Trip down memory lane

Was machen Anfangs-Dreißiger, um sich in ihre Jugend oder halt in ihre jüngeren Jahre zurückzuversetzen? Genau, sie gehen auf ein Konzert von einer Indie-Band in einer relativ grindigen Location im nicht ganz so schicken Teil der Stadt. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich wirklich froh bin, endlich so ein Eck in Strasbourg gefunden zu haben. Keine knutschigen Fachwerkshäuser, keine schicken 19. Jahrhundert- Bauten, keine Riesenrosenbüsche im Vorgarten (gut, das stimmt nicht ganz – aber der Rosenbusch war eigentlich recht klein und allein. Wir sind noch immer in Strasbourg und Strasbourger lieben ihre Blumen. Isso.). Bisher hatte ich es ja nur in das Plattenbau-Eck geschafft, aber da will man echt nicht wieder hin. Aber jetzt weiß ich endlich, wo ich sicher einen guten Kebab herkriege.

Jedenfalls – Konzert. Die Band hieß Waxahatchee und kommt aus Philadelphia. Zur Vorband haben wir es nicht mehr geschafft. Mein Radl-Reifen ist nämlich explodiert. Schmäh-ohne. Es hat einen Riesenknaller gemacht und dann ist der Schlauch aus dem Reifen gehangen. Ich werde heute also den Wert meines Drahtesels verdoppeln (verdreifachen?) indem ich einen neuen Reifen inklusive Schlauch dafür besorge. Der Verlust des fahrbaren Untersatzes hatte zur Folge, dass wir die Öffis nehmen mussten. Aber ich probier ja immer wieder gerne etwas Neues aus. Und es hat sich ja auch tatsächlich ausgezahlt. Die Band war echt gut. Oder besser gesagt, die Musik war echt gut. Die Band konnte sich nicht dazu durchringen mit dem Publikum zu interagieren, was halt bei einem Live-Konzert schon schade ist. Wir wissen bis jetzt nicht, ob die Frontfrau einfach extrem schüchtern ist und sich außer einem “Thank you” nix getraut hat sagen. Oder ob die Gute grantig war, weil nur etwa 50 Leute da waren. Sei’s wie’s sei, die Musik hat mich dann doch sehr an das erinnert, was ich früher schon gern gemocht habe, wobei die Band live viel härter aufgespielt hat, als auf den Songs, die sie auf ihrer Webseite haben oder die auf diversen Video-Plattformen zu finden sind. Also weniger “Ich und meine Klampfe” und mehr “Pfoah, lässig dieser Verstärker. Und erst die Drums!”. Nachdem mir der Bass erst einmal in den Magen gefahren ist, dachte ich für eine Millisekunde: “Jössas, das ist aber laut.” Da mich das aber alt macht, habe ich diesen Gedanken ganz schnell verdrängt und dann war’s echt super. Und für die, die nicht dabei waren, hier ein paar Eindrücke. Bitte anhören.

rosa, rosae, rosae, rosam, rosa

Kinder, die Buchempfehlungen im Türmchen waren in letzter Zeit etwas rar, was einerseits daran liegt, dass in der Radfahrsaison mein Bücherkonsum etwas abnimmt und mir andererseits irgendwie leider keine so richtig empfehlenswerten Bücher untergekommen sind. Bis jetzt. Denn nachdem ich vor einiger Zeit schon über “The Rosie Project” von Graeme Simsiongestolpert bin, habe ich das Buch jetzt auch tatsächlich gelesen. Manchmal muss der Lesewunsch einfach reifen. Aber ich bin echt froh, dass ich das Buch gelesen habe, weil ich schon lange, lange nicht mehr bei der Lektüren eines Buches so viel und so laut hab lachen müssen. Wirklich, der Zukünftige hat mich schon ganz besorgt angeschaut, wenn wieder ein Lachschwall vom Sofa zu ihm rübergeschwappt ist.

Worum es geht? Genetiker Don Tillman, Typ Sheldon Cooper mit Sexappeal, befindet, dass er mit 39 Jahren jetzt doch eine Ehefrau braucht. Also wird das Wife Project gestartet, für das er einen Fragebogen erarbeitet, um die am besten zu ihm passende Frau zu finden. Enter Rosie Jarman, die keine der wichtigen Kriterien erfüllt und der er eigentlich nur helfen will, ihren Erzeuger zu finden. Eigentlich…

Das mag jetzt vielleicht nach classic Schmusibu klingen, ist es aber nicht. Don Tillman ist hochintelligent, hat seinen Alltag perfekt durchorganisiert und ritualisiert, ist unfähig Sarkasmus oder jede Form von Subtext oder nonverbaler Kommunikation zu erkennen. Und da er als Ich-Erzähler auftritt, kriegen die Leser genau mit, wie es in seiner Welt aussieht und wie das Auftauchen von Rosie seine perfekten Strukturen ins Wanken bringt.

Neben den wirklich bezaubernden, lustigen, schrägen Charakteren ist das Buch auch einfach wirklich gut geschrieben. Es gibt so viele tolle Situationen und Sätze, die ich am liebsten alle zitieren oder zumindest paraphrasieren würde (ich hab das Buch gerade nicht bei der Hand). Etwa, wenn Don davon erzählt, dass er die Auswirkungen und Ursachen von Leberzirrhose erforscht und dann ganz lapidar meint: “Most of my working time I get mice drunk.” Oder: “I’m not good at understanding what other people want.” “Tell me something I dont’ know.” I quickly searched my mind for an interesting fact. “Ahhh…The testicles of drone bees and wasp spiders explode during sex.”

Aber genug davon, lest es selber. Jetzt. Gleich. Without von delay.

 

Que guay!

Wie merkt man, dass man alt ist? Daran, dass das Erasmus-Jahr inzwischen elf Jahre zurückliegt. Ja wirklich. Mehr als eine Dekade. Darauf haben meine Erasmus-Mädels und ich erst einmal einen Rioja trinken müssen. Vor über zehn Jahren hat es mich nämlich für ein Jahr nach Madrid verschlagen und das war zwar nicht immer leicht oder schön oder easycheesy aber unterm Strich war das trotzdem ein richtig geniales Jahr. Und was mich so unglaublich freut, ist, dass ich mit den drei Mitstreiterinnen, mit denen ich damals die meiste Zeit verbracht habe, nach wie vor in Kontakt bin. Dass wir es auch über Jahre und oft hunderte Kilometer geschafft haben. Egal ob eine in Dublin, Mailand, Regensburg, Schwerin, Rom oder London war, ob die Nationalität italienisch, deutsch oder österreichisch ist (und eine es dann doch nach Wien geschafft hat). Und es ist so unglaublich großartig, dass wir uns oft Monate nicht hören oder lesen, aber sobald wir uns sehen es sich trotzdem anfühlt, als ob wir uns erst gestern getroffen hätten und wir einfach stundenlang quatschen können. So, jetzt aber genug der Gefühlsduselei, sonst glauben die Elfenebeinturmianer ja noch, ich werde weich.

Jedenfalls haben wir nicht nur geplaudert, Wein getrunken und Tapas gegessen, sondern einfach auch die Stadt erkundet. Das letzte Mal haben wir uns vor vier Jahren in Madrid getroffen und seitdem hat sich wirklich etwas getan in der Stadt am Manzanares. Sie haben einiges hergerichtet, viele Fassaden erstrahlen mit neuem Anstrich, Huertas – zu Erasmuszeiten ein cooles, aber versifftes Fortgehviertel – ist jetzt das Boboville von Madrid, die Calle Fuencarral (falls jemand in Madrid shoppen will – hierhin sollst du gehen) ist eine Fußgängerzone, auf der Plaza del dos del Mayo wo früher nur Bars waren, ist ein Kinderspielplatz. Vieles ist aber gleich geblieben, vor allem der coole Vibe der Stadt. Und weil ich mich an dieser Stelle nicht über die Unfähigkeit der Kellner, die Angewohnheit der Spanier durch dich durchgehen zu wollen oder zumindest möglichst nah an die rankommen zu wollen (nix mit mein Tanzbereich, dein Tanzbereich) oder den manchmal etwas eigenen Geruch der Seitengassen auslassen will, sondern mich einfach nur an lässige vier Tage in einer alten Heimat erinnern will: Hier ein paar Bilder vielleicht als Anregung für den nächsten Städtetrip.

Malkurs auf der Plaza Mayor
Malkurs auf der Plaza Mayor
DSC00603 Kopie
Auch wenn sich der Übersetzer sehr sicher zu sein scheint, die korrekte Übersetzung für alles ins Englische ist nicht Croissant.
DSC00617 Kopie
El Palacio Real
DSC00634 Kopie
Food P*rn vlg Tapas
DSC00673 Kopie
An die Besitzer dieses Dachterrassenpools: Ich bin durchaus offen für Gespräche über eine mögliche Adoption. Einfach Nachricht in den Kommentaren hinterlassen
DSC00679 Kopie
Torre de Moncloa
DSC00680 Kopie
Templo de Debod

DSC00604 Kopie

DSC00614 Kopie
El Quijote

DSC00672 Kopie DSC00663 Kopie DSC00656 Kopie DSC00607 Kopie

 

Das Wandern und der Wein

Eh klar. Kaum ist das Wochenende vorbei, lacht die Sonne wieder vom Himmel. Aber der harte, weil kinderlose Kern der Neigungsgruppe Wandern hat sich weder von Sturmböen noch Starkregen oder Hochwassermeldungen abschrecken lassen und ist wieder gen Weingegend, genauer gesagt Wagram (Ich find’s immer noch komisch, dass das kein Fluss ist, sondern im Prinzip eine Gesteinskante.), gezogen, um vor Ort zu testen, ob die Tropfen wirklich edel sind. Also die aus der Flasche. Die vom Himmel waren eher mäßig edel. Aber das haben wir schon im Vorhinein gewusst. Jedenfalls war es auch trotz eher weniger einladender Wetterlage einfach wunderbar, ein Wochenende außerhalb der Stadtmauern und in unglaublich netter Gesellschaft zu verbringen. Und um ehrlich zu sein, auch wenn es schon schön gewesen wäre, ein längeres Picknick in den Weinbergen abhalten zu können, das Wetter hat schon für eine ganz eigene, ganz wundersame Stimmung gesorgt. Also ich für meinen Teil bin von all der frischen Luft und dem guten Wein entspannt und angenehm müde auf mein Sofa zurückgekehrt. Bis zum nächsten Mal. Prost.

PS: Die Fotos verdank ich diesmal auch meiner media naranja und dem Herrn Prof. F.A. Vielen Dank für die Mitarbeit, meine Herren.

So schaut's aus wenn die Generation 30 und a bissl was wandern geht. Da geht keiner hungrig zaus.Wunderbar.
So schaut’s aus wenn die Generation 30 und a bissl was wandern geht. Da geht keiner hungrig zaus.Wunderbar.

IMG_7016

WP_20140518_006

IMG_7038

2014-05-18 11.04.37

WP_20140518_008 Kopie