Ist das nicht mehr modern? oder Wo ist die Selbstironie geblieben

Man soll ja seinen Horizont immer erweitern und offen für Neues sein. Also war ich kürzlich mit der lieben A. bei einem Galerien-Abend. Moderne also zeitgenössische Kunst ist für mich in den meisten Fällen ein spanisches Dorf aber ich gebe nicht auf. Was dann dazu führt, dass ich von Galerie zu Galerie, von Kunstwerk zu Kunstwerk stolpere und verzweifelt versuche, das Gesehene zu verstehen. Weil das ist ja die Crux an dieser aktuellen Kunst: Die hat eigentlich immer eine Botschaft, die sie aber gut zu verstecken weiß. Und wenn man dann niemanden bei der Hand hat, der da ein wenig Hintergrundinfo liefert, kann man also nur hoffen, dass das Ding wenigstens ästhetisch ansprechend ist. (Ist es meistens nicht). A. ist zwar wesentlich kunstaffiner – wollte das auch fast studieren – tut sich mit aber teilweise auch schwer. Die logische Konsequenz? Anstatt, dass wir die Kunst betrachtet haben, haben wir recht bald die Menschen beobachtet, die die Kunst betrachten. Ein wirklich erstaunlicher Blick eine Parallelwelt. Man muss scheinbar schon mit seinem extravaganten Kleidungsstil – relativ abenteurerlich um den Kopf gewickelte Tücher in Farben und Mustern, die ich schon für überwunden gehalten habe, sind da wieder en vogue – sagen: Hey, ich bin Teil der Kunstszene. Wichtig ist es auch mit konzentrierten Blick vor einem Bild stehen, das, sagen wir, weiß ist mit drei hellblauen Strichen, und bedeutungsschwere Sätze sagen wie: “Es ist unglaublich, wie der Künstler die Einsamkeit des Individuums in der Zeit der digitalen Revolution darstellt.” oder “Es geht so eine unfassbare Energie von diesem Werk aus.” oder “Also in seinem letzten Zyklus war er viel kompromissloser.” Was dann entweder zustimmendes Gemurmel nach sich zieht, gefolgt von einer tiefschürfenden Diskussion über das frühere Werk von Künstler X, der Ähnlichkeit zu Künstlerin Y oder dem generellen Sinnverlust unserer Gesellschaft oder heftigen Widerspruch erntet, gefolgt von einer tiefschürfenden Diskussion über das frühere Werk von Künstler X, der Ähnlichkeit zu Künstlerin Y oder dem generellen Sinnverlust unserer Gesellschaft. Was aber ganz verpönt zu schein sein, ist zu lächeln oder gar zu lachen. Tatsächlich habe ich praktisch ausschließlich ernste, intellektuell anspruchvolle Gesichtsausdrücke gesehen.

Was mich zu der Frage bringt: Wo bitte ist denn der Humor hin? Die (Selbst)-Ironie? Macht man das heute nicht mehr? Denn die Sache ist die: Die Kunstszene ist offensichtlich nicht die einzige, die sich selbst so irrsinng ernst nimmt. Und dabei gar nicht sieht, inkohärent ihr Verhalten oft ist, gar wie lächerlich sie in ihrer Ernsthaftigkeit und Selbstüberzeugung sind. Menschen mit zu engen oder einfach nur unvorteilhaft geschnittenen Hosen, die alles von ihrem Lebensmotto bis zu ihren Essgewohnheiten (was oft ein und dasselbe ist) auf ein Stoffsackerl gedruckt haben, sehen keine Dikrepanz darin, sich über Identitätsverlust im digitalten Zeitalter, Cybermobbing und dem Verlust sozialer Kompetenzen aufzuregen und gleichzeitig auf Instagram sämtliche Mahlzeiten, Outfits und Ortswechsel zu posten und nur noch über WhatsApp zu kommunizieren. Stadtmenschen, die sich um Urban Gardening-Parzellen prügeln, die sie dann mit einer erstaunlichen Ahnungslosigkeit (die durch einen Blick in ein Gartenbuch beseitigt werden könnte) mit einer Auswahl an Gemüsen vollstopfen, die niemand essen mag und die nährstoffanspruchstechnisch so überhaupt nicht zusammenpassen (bitte setzt ganz viel Mais, der laugt den Boden gar nicht aus), wollen dann schon irgendwie aufs Land ziehen, wo’s so schön ist, können für die Leute dort aber nur eine Mischung aus Verachtung, Mitleid und Herablassung zusammenkratzen. Menschen (Männer) jenseits der 30, die aufeinmal wieder (oder gar zum ersten Mal?) mit einem Skateboard – oh, Verzeihung, Longboard – durch die Straßen fahren, verstehen das Amüsement, das sie hervorrufen, so gar nicht. Wir lachen über Männer mit fliehendem Haaransatz, die sich fette Autos unter ihre immer schlaffer werdenden Hintern schnallen. Aber solche, die sich in einem letzten Aufbäumen ihres inneren Teenagers, der sich aufeinmal mit erwachsenen Dingen wie einem fixen Job, einer festen Beziehung und leiblichem Nachwuchs konfrontiert sieht, auf Holzbrettern mit vier Rädern dem Alterungsprozess davon rollen wollen um in den elysischen Feldern der ewigen Jugend zu verweilen, sollen wir Ernst nehmen? Ernsthat?

Ah, vielleicht liegt es an mir. Ich habe mich bisher selten ernst genommen. Ich lache über mich, wenn ich nur laufen gehen kann, wenn ich das richtige (sprich neue) Outfit dafür habe und wenn ich in einem seltenen Anfall von Sportehrgeiz mich über das Überschreiten der Wunschzeit bei einem Rennen ärgere. Ich lache über mich, wenn ich ganz unbedingt den Vorraum neu streichen muss, weil ich die Farbe nicht mehr aushalte und so auch gleichzeitig das Gefühl habe, umgezogen zu sein. Ich lache über mich, wenn Tage damit verbringen, die beste Ordnung meines Bücherregals zu überlegen. Ich lache über mich, wenn ich zum fotografieren einer Geschichte auf einem Stuhl stehend mit Leckerli vor einer Hundeschnauze wedeln muss, von einem Meerschweinchen angekackt werde oder bei über 30 Grad im Schweinestall stehe. Ich lache über mich, wenn ich bahnbrechende Reportagen über Schneeglöckchen, Schachbrettblumen oder Orchideen schreibe. Ich lache über mich, wenn ich während eines Telefongesprächs mit einem Tierarzt verzweifelt Begriffe google, nur um mitzukriegen, wovon um alles in der Welt der da redet. Was ich sagen will: Nehmt euch doch bitte nicht so ernst. Ein bisserl Selbstironie hat noch niemanden geschadet.

On the road

By Dirk Vorderstraße - Autobahn, Kamener Kreuz, Rush Hour, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31871881

Der Sommer ist nach einem wirklich herrlichen Wochenende jetzt wohl so richtig vorbei und auch diese Saison hat Paula Polo einige Kilometer abgespult. Die Destinationen waren diesmal zugegebenermaßen nicht so originiell. Eigentlich ging es nur zwischen Wien und Kärnten hin und her, aber das läppert sich ja auch zusammen. Wenn man also recht häufig die gleiche Strecke fährt, weiß man nicht nur, welche Abschnitte einen aufgrund von Baustellen in den Wahnsinn treiben – bin ich die einzige, die Asfinag-Mitarbeiter mit diesen dämlichen Smiley-Hütchen-Schildern verprügeln möchte? – sondern auch die besten Stellen für Klo- und Erfrischungspausen. Und taucht dabei in interessante Paralellwelten ein. Wenn man die S6 nimmt und also über den Semmering fährt und weiter Richtung Obdacher Sattel, liegt die wunderbare M-Rast recht genau in der Mitte, also bei Zeltweg. Hierbei handelt es sich um eine Tankstelle/Restaurant, das sowas wie der fortgehtechnische und kulinarische Hotspot der Gegend sein dürfte. Denn es ist dort immer gerammelt voll. Und das mit Einheimischen, wie die Nummernschilder immer verraten. Mich persönlich fasziniert so etwas ja. Möglicherweise, weil ich nie auf die Idee kommen würde, einfach so zur nächstegelegenen Raststation zum Mittag- oder Abendessen zu fahren. Aber es dürfte weiterverbreitet sein, als ich bisher angenommen habe. Bei einem Interviewtermin auf der Raststation bei Stockerau habe ich festgestellt, dass ungefähr 90 Prozent, der Menschen, die dort zum Essen hingehen, aus der Gegend kommen. Jetzt habe ich natürlich das Gefühl, mir entgeht etwas. Ist das ein neuer Trend und ich habe schon wieder nichts mitgekriegt? Macht man das jetzt? Wenn ich jetzt auf diesen Zug aufspringe, wirke ich dann wie eine armselige Nachahmerin oder ist es gerade noch rechtzeitig? Für Durchreisende bietet die M-Rast übrigens eine gutsortierte Haribo/Lachgummi-Abteilung sowie einen wirklich vorzüglichen Käseleberkäse.

Auf der A2 hat man natürlich eine größere Auswahl an Rastmöglichkeiten. Wer sich aber sich aber wie ich über Raststätten mit kostenpflichtigen WC-Anlagen ärgert und wirklich nicht noch einen 50 Cent-Gutschein ansammeln möchte (vom letzten Jahr habe ich noch einen Stapel an Gutscheinen von deutschen Autobahnen, die mir zusammengezählt wohl eine halbe Tankladung finanzieren würden), wem es auch weder um Benzin- noch Nahrungsaufnahme geht, dem seien die Asfinag-Rastplätze empfohlen. Als Zusatzleistung bekommt man, zumindest wenn man nächtens dort anhaltet, einen spannenden Einblick in das Leben von LKW-Fahrern und die, sagen wir, Auto-Reisetechniken von Menschen aus Osteuropa. Diese beinhalten nicht nur, das Auto bis auf den letzten Kubikzentimeter vollzustopfen (eine Technik, die ich persönlich dieses Frühjahr bei der Übersiedelung aus Frankreich perfektionieren konnte) und Nahrung für fünf Personen für eine Woche mitzuführen, sondern auch die Fähigkeit binnen kürzester Zeit ein Zelt an der WC-Anlagen-Mauer aufzubauen sowie Wäsche in den WC-Waschbecken zu reinigen und anschließend an den Händetrocknern zu trocknen. Beim dritten Mal hat mich der Anblick die jeweiligen rumänischen/bulgarischen Dame, die die Schießer-Feinripp-Hoserln ihres Gatten unterm Dyson getrocknet hat, gar nicht mehr überrascht. Jedenfalls gäbe das eine ganz wunderbare Alltagsgeschichte ab, liebe Frau Spira.

Ein Stückerl gen Süden

Sommer mag für die meisten Menschen ja die Zeit der Fernreisen sein. Für den Göttergatten und mich hat sich aber über die Jahre herauskristallisiert: Sommer eher in Ö, weil da ist es ja auch schön und in Kärnten ist man ja eh gleich und da sind die halt schon die herrlichsten Seen. Nach unserm Frankreichabenteuer vergangenes Jahr heißt es also wieder “Genieße deine Ursprungsheimat”. Der Nachteil an Kärnten ist halt, dass nur See und Berge sich nicht ganz spielt. Weil die Familien einen doch schon ein bisserl sehen wollen und weil es doch Gärten gibt, die gepflegt werden müssen. Passt ja auch. Aber nach einer Woche Heckenschneiden (alles, von Thujen über Berberitzen bis Kirschlorbeer. Ich verstehe so langsam den Reiz von diesen unglaublich hässlichen Steinkörben), Rasenmähen, Böschung von Brennesseln befreien (ich bin schon echt gut mit der Sense), wuchernden Cotoneaster und Efeu in seine Schranken weisen, Wein und Kiwi entranken sowie Zwetschken, Schwarz- und HImbeeren ernten (aus denen werden zumindest Knödel, Marmelade und Saft), habe ich dann doch an der Weisheit der Entscheidung ganze zwei Wochen durchgehend an der Heimatfront zu verbringen gezweifelt. Vor allem, weil ja die schönen Tage mit besagter Arbeit gefüllt waren und die verregneten dann doch eher indoor verbracht werden mussten.

Um dann doch ein bisschen “Wir haben Urlaub”-Feeling zu erzeugen, haben der GG und ich beschlossen eine Nacht in Triest zu verbringen. Jetzt würde man ja meinen, dass man als Kärntnerin dort schon recht oft war. Tatsächlich war ich erst einmal in Triest. Und zwar damals mit der Schule, da haben wir uns das KZ dort angeschaut. Sehr interessant aber halt nicht schön. Der GG war vielleicht zweimal öfter dort und weil es nur zwei Stunden sind und wir seit letzem Jahr alles unter sechs Stunden als Kurzstrecke empfinden und auch einfach drei Stunden in eine Richtung fahren um irgendwo einen Kaffee zu trinken, haben wir ein Täschchen gepackt und sind los. Jetzt muss man sagen, dass es rein theoretisch zwei Stunden sind. Egal ob über Italien oder über Slowenien. Wenn man allerdings genau jenen Montag erwischt, der dem Samstag des Putin-Besuchs in Slowenien folgt, kann es durchaus sein, dass man verkehrstechnisch die Arschkarte gezogen hat. Zur Erinnerung: Monsieur Putin hat für ein paar Stunden vorbeigeschaut und sämltiche Straßen im Land (oder zumindest im Nordteil) waren den ganzen Tag gesperrt. Die Slowenen waren ganz begeistert, wie wir auf einer Wanderhütte erfahren haben. Na jedenfalls wurde schon Tage vorher vor Megastaus gewarnt. Die Leute waren abgeschreckt und sind aber scheinbar nicht am Sonntag sondern am Montag gefahren. Das Resultat für uns: Drei Zusatzstunden im Stau. War dann aber eh nicht so schlimm, weil es geregnet hat.

Triest hat dann aber für alles entschädigt. Ich finde die Stadt einfach entzückend. Also den Teil, der touristisch interessant ist. Wenn man die Stadt reinfährt kommt man ja an einigen wirklich riesigen, wirklich hässlichen Bauten vorbei, die hoffentlich zumindest funktionell sind. Unsere Unterkunft war entzückend, ein kleines Hotel an der Piazza Barbacan, das Wetter ideal zum herumspazieren, Apero genießen und Leute schauen. Zum Abendessen waren wir dann in einer von einem Freund empfohlenen Ein-Mann-Trattoria. Es war unwahrscheinlich gut. Der Koch/Besitzer hat während wir dort waren die Pasta frisch gemacht. Wer sich sein Essen gerne aussucht, der ist hier zwar nicht richtig, denn da der Chef alles alleine macht, gibt es halt das Tagesmenü. Man setzt sich also hin und er stellt schon einmal Wasser, Wein und Antipasti hin. Ich find’s super, weil mir a) bei italienischem Essen praktisch alles schmeckt und b) mich lange Speisekarten sowieso überfordern. Allerdings hätten wir bedenken sollen, dass der liebe D. nicht nur gerne gut sondern auch gerne viel isst. Und ich hätte unter keinen Umständen vergessen sollen, dass die Pasta immer erst der primo piatto ist.

Chef Paolo (ich hoffe jetzt einmal ich hab den Namen mir richtig gemerkt) kommt natürlich immer auch an den Tisch um sich zu vergewissern, ob eh alles passt und ein bisschen zu plaudern. Seine Frage, wo aus Frankreich wir herkommen, hat mich dann doch überrascht. Offensichtlich spreche ich Italienisch (also das bisserl, was ich zusammenkratzen kann) mit französischem Akzent. Und wenn es hart auf hart geht, streue ich gerne auch spanische Worte rein. Was also bedeutet, dass ich gar keine Sprache richtig kann.

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Willkommen auf der langen Bank

Es ist schon erstaunlich, was man alles tun kann, bevor man etwas tut. Oder anders gesagt: Welche Aufgaben einem einfallen können, nur um von der eigentlichen abzulenken. Mir war bisher schon bewusst, dass das weite Feld der Prokrastination von mir mit Hingebung beackert wird, aber diesmal, das gebe ich zu, hab ich mich selbst übertroffen. Wobei, um mich jetzt selbst in Schutz zu nehmen: Ein gutes Umfeld, ein sauberes, ein ordentliches ist für mich essentiell zum Arbeiten. Nachdem ich nach der Rückkehr aus der Grande Nation in den Feng-Shui-Declutter-Modus geschaltet habe – was mir einen relativ leeren Kleider- und Schuhschrank beschert sowie die Kramurilade ausgelöscht hat, ging es an die Gestaltung des Wohnraums. Küche und Vorzimmer wurden neu ausgemalt, das Büro umgestaltet. Nachdem der Göttergatte nun ein nicht ganz scherzhaftes Verbot bezüglich einer Neubepinselung des Schlafzimmers (das Wohnzimmer wurde vor zwei Jahren erst neu ausgemalt) ausgesprochen hat, hab ich nun tatsächlich das Ende der langen Bank erreicht. Fühlt sich eigentlich ganz gut an. Also bis auf ein schönes Maß an Versagensängsten, die sich gerne unvermutet und von hinten an einen ranschleichen. Oder Selbstzweifel, die sowohl getrennt als auch in Begleitung der VÄ erscheinen. Jetzt wäre es für mein Seelenheil natürlich mäßig förderlich, diese alle ungebremst zuzulassen. Hilft ja auch nicht beim selbstbewussten Auftritt. Die Lösung? Na wie immer: Selbstmitleid in Dosen und sich dann anschließend wieder in den Hintern treten und weitermachen. Klappt bisher ganz gut. Und weil’s so schön ist, die Hymne für alle ProkastinatorInnen da draußen.

Les Miserables 25th Anniversary concert-One day more from Y on Vimeo.

Un petit peu de moi

Die erste wirkliche Hitzewelle des Jahres ist angerollt. Ich find’s toll, aber andere scheinen mit gereizten Nerven zu reagieren. Jetzt habe ich aber beschlossen, mich in solchen Fällen nur kurz zu ärgern und dann fröhlich weiterzuleben. Weil ändern kann man die Leute eh nicht, nur die eigene Reaktion. Und ja, ich fühle mich sehr erwachsen, wenn ich so etwas schreibe. Zurück zum Sommersonnenschein. Als solarbetriebenen Menschen freut mich, dass die Sonne vom Himmel brennt. Als Mensch mit genug entzückendem Sommergewand stört es mich weniger, dass ich mich mehrmals pro Tag umziehen muss. Wobei ich in meinem Rückkehr-Feng-shui-Declutter-Anfall scheinbar versehentlich ein paar meiner Lieblingsleiberln weggeben habe. Die müssen irgendwie in den falschen Stapel gerutscht sein. Wurscht. Zu spät. Was wollte ich sagen? Ach ja, Sonne, Sommer – alles gut. Ich habe es inzwischen auch geschafft einen neuen Lebenslauf zusammenstellen, mit dem ich optisch wie inhaltlich zufrieden bin. Das Schlimmste war allerdings das passende Foto zu schießen. Der Göttergatte und ich haben fast einen Tag gebraucht, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu liefern. Fast 500 Fotos nur damit ich schlussendlich vier habe, auf denen ich weder debil noch angefressen wirke noch grinse wie frisch lackiertes Hutschpferd. Aber wir wollen jetzt nicht weiter übers Arbeitsleben reden, sondern uns langsam aufs Wochenende eingrooven. Geht mit dem richtigen Soundtrack immer leichter. Die zwei Hübschen im Anhang sind meiner Meinung nach prädestiniert dafür, die Hintergrundmusik zum Sommer zu liefern. Fehlt nur noch ein Glaserl Rosé.

Geräuschkulisse

Ein Workshop zum Thema Geräusch im Grätzl hat mir nicht nur vor Augen geführt, wie leicht es ist, mit einem halbwegs guten Aufnahmengerät jemanden abzuhören, sondern auch, aus wie vielen Einzelgeräuschen sich die Geräuschkulisse “Stadt” eigentlich zusammensetzt. Doch neben, den steten Hintergrundgemurmel tun sich immer auch spezielle Geräusche hervor. Als home-office-Mensch, der ich aktuell bin, entwickelt man irgendwie auch aufgrund der Geräusche, die einen täglich umgeben, eine andere Beziehung zu seiner Wohnung. Finde ich halt. Da fällt einem auch auf, wie viele Menschen eigentlich tagsüber zu Hause sind. Vor allem, wenn man einen Innenhof hat und sein Büro ein Fenster zu diesem. Der sein Handwerk beherrschende Pianist macht mir zum Beispiel sehr viel Freude. Ein schöner Gegenpol zu unserer Nachbarin von unten, die eine zeitlang an ihr musikalisches Talent geglaubt hat und mit wenig Können aber dafür umso mehr Ausdauer jeden Sonntagmorgen den Floh-Walzer geübt hat. Als sich auch nach mehrwöchigem Abquälens kein Erfolg eingestellt hat, hat sie aufgegeben. Ich bin dankbar.

Die Nachbarin von nebenan hat einerseits einen kleinen Hund, der gerne anschlägt, andererseits einen wirklich hartnäckigen Husten. Den hatte sie schon vor unserem Frankreich-Jahr und irgendwie ist sie ihn noch immer nicht losgeworden. Das gelegentliches Gehüstel verfügt aber über ein verschwindend geringes Störpotential im Vergleich zum Beuschel-Reißen des Paares aus der Innenhofwohnung gegenüber. Vor allem Madame dürfte eine wirklich verschleimte Lunge haben. Wenn mir nicht jedesmal so schlecht dabei würde, wenn sie loslegt, hätte ich vielleicht Mitleid. Der Göttergatte rät mir ja bei Husten immer zu Inhalieren. Nun, das tut die Gute ja auch, aber halt nur aus der Bong. Dürfte nicht helfen.

Ein Hofbewohner spielt liebend gerne französische Chansons, sehr zu meiner Freude. Ein anderer liebt es zu Bohren. Eher nicht so zu meiner Freude. Entweder arbeitet er an einem Kunstwerk oder er hat inzwischen recht löchrige Wände. Die Nachbarin von oben mit dem extremen Fersentritt, die zudem bevorzugt um zwei in der Früh steppgetanzt hat – nachdem ich dann bei ihr auf der Matte gestanden bin, hat sie das doch unterlassen – ist glücklicherweise ausgezogen. Die neuen Nachbarn sind eher sanfte Schleicher.

Ich persönlich bin natürlich die beste Nachbarin von allen. Mit einem eklektischen Musikgeschmack, sanftem Auftreten und keinen lauten chronischen Krankheiten

Na, geht doch

Teil einer kleinen, vielleicht sogar elitären Gruppe zu sein, etwas Besonderes also, nicht Alltägliches, das klingt doch schön. Also nicht, dass ich jetzt einen Platz bei den Freimaurern anstrebe (Nehmen die Frauen? Nein? Sexistisches Pack.) oder eine Mitgliedschaft bei einem Business Zirkel oder Mrs. Sporty. Aber bis vor Kurzem gehörte ich noch zu den Menschen, die sich mit der klingenden Bezeichnung “Expat” schmücken durften. Und jetzt aufeinmal soll ich wieder ganz normal sein? Da muss es doch was geben! Tja, die Antwort wurde so zufällig wie leicht gefunden. Man muss nur einmal ins Kino gehen. Also ins richtige. Mit dem richtigen Film. Und schwupps: Schon kann man sich neu zuordnen. Mesdames, Messieurs, je vous présente: die Gruppe der Frankophilen. Die ziehen sich jetzt nicht in einen gemütlichen Club mit speckigen Lederfauteuils, holzvertäfelten Wänden, deckenhohen Bücherregalen, grünen Leselampen und Whisky zurück. Wobei ich das ja nicht ganz unangenehm finden würde. Ich glaube, das Ambienete würde mir stehen. Dieser Menschenschlag fröhnt seiner Liebe nicht im Geheimen. Oh, non, non, non! Soll ja jeder wissen, dass man ein paar Brocken Französisch versteht (für den Rest gibt’s die Untertitel). Und auf den ersten Blick wirken die Mitglieder recht umgänglich. Ich denke, ich werde mich hier wohlfühlen. Und für alle potentiellen Mitglieder oder Menschen, die einfach einen unglaublich bezaubernden Film schauen wollen (den es auch in einer deutschen Version gibt), hier der Trailer zu “Le gout des merveilles” (Als “Birnenkuchen mit Lavendel” in den österr. Kinos. Naja.)

Vom Suchen (und Finden?)

Jetzt ist es also passiert. Eineinhalb Jahre sind um. Au revoir, la France. Servus, Österreich. Nein, ich werde mich jetzt nicht darüber auslassen, wie schnell doch die Zeit vergangen ist. (Auch wenn sie wirklich schnell vergangen ist.) Dafür hab ich jetzt nämlich keine Zeit. (Ihr seht, was ich hier gemacht habe? Spielende Wortwiederholungen. Wiederholendes Wortspiel.) Ich muss mich jetzt nämlich wieder vermehrt auf meine Karriere konzentrieren. Das lockere Leben ist vorbei. Jetzt muss wieder mehr Geld verdient werden. Wie genau das passieren soll, weiß ich zwar noch nicht, aber das ist ja kein Grund zu verzweifeln. Ich steh einfach vor dem Problem, das alle haben, die aus einer langen Beziehung kommen: Wie genau funktioniert das noch schnell, mit den Verabredungen, die jetzt Dates heißen? Wie bin ich möglichst schnell wieder kein Single?

Ich muss jetzt also Menschen finden, die mich anheuern, um für sie zu schreiben. So, jetzt wird wahrscheinlich kaum jemand einfach so an meiner Haustür läuten und mich mit Arbeit versorgen. Auch wenn ich einen großen Pfeil mit “Für Schreiberlingin hier klingeln” neben die Türglocke hänge. Vielmehr obliegt es mir, an Türen zu klingeln, Klinken zu putzen, auf Knien zu rutschen (aber letzteres wirklich nur im Notfall. Ich habe noch meine Würde.) Ich muss also präsent, sichtbar, auffällig, erreichbar, lästig sein. I have to put myself out there. Und im digitalen Zeitalter heißt das auch seine Social-Media-Profile aufzumotzen. Ich bin ja wirklich ganz schlecht in sowas. Ich kann mich immer kurz begeistern und dann schau ich Monate nicht rein. Außer Instagram. Aber da sind so hübsche Bilder. Jetzt sitze ich, eine der schlechtesten Netzwerkerinnen unter der Sonne, da und lege Profile auf Journalistenplattformen an, bringe bestehende Arbeitsplattforms-Profile auf den neuesten Stand und ergänze, was noch zu ergänzen ist. Und bemerke, dass ich ganz dringend neue Profilfotos brauche. Dieses halbirre Grinsen ist wahrscheinlich wenig hilfreich. Die persönliche Kurzbeschreibung heb ich mir für einen ganz besonders kreativen Moment auf. Und die Zeile für inspirierende Zitate, Lebensmotto wohl besser auch. Sonst steht da “Will write for food”. Wobei das am ehrlichsten wäre.

Planungsfehler

Ich frage mich ja oft, ob gewisse architektonische oder designtechnische Auswüchse vorab auf ihre Praktikabilität getestet wurden. Oder ob die entwickelnde Person auch nur einen winzigen Gedanken daran verschwendet hat, dass dieser Raum von einem tatsächlichen Menschen bewohnt, dass jener Gegenstand von einem Menschen benutzt werden soll. Etwa wenn ich in Marseille im großen goldenen M stehe (Erstaunlicherweise sind Supermärkte ja immer dann nicht in ausreichender Dichte vorhanden, wenn die Not am größten ist) und aufgrund von drohender Unterzuckerung in Kombination mit Dehydrierung ganz dringend ein Cola brauche. Ist ja auch ein Schnell-Ess-Lokal, was mir entgegenkommt. Soll ja schnell gehen. Aber da hab ich die Rechnung wohl ohne den Wirten also ohne Mr. Ronald gemacht. Weil da gibt es jetzt ein neues System. Denn um hier jetzt etwas zu essen oder trinken zu bekommen, stellt man sich nicht mehr am Schalter an und bestellt und kriegt das Zeugs dann. Nein, nein. Man stellt sich zuerst bei einem Touchscreen an, um sich dann mit Bon bei einem Schalter noch einmal anzustellen. Ist ja ein viel besseres System. Funktioniert auch total gut. So schnell und so. Derartige Schwachsinnigkeiten machen mich ja schon in einem zuckertechnisch ausgeglichenem Zustand unrund. Wenn ich dann aber auch noch wirklich durstig bin und wirklich ein Zuckerwasser will, dann sinkt mein Stimmungsbarometer ganz schnell noch viel weiter nach unten. Und die Schimpfwortfrequenz erhöht sich enorm. Da stehe ich also vor diesem verf…. Touchscreen und muss mich selbst durch gefühlte 50 Seiten klicken nur um ein deppertes Cola zu kriegen. Gut geschafft. Dann geht’s ans Zahlen. Und wo genau finde ich den Schlitz und die Tastatur für die Bankomatkarte? Na da, wo es am praktischsten ist. Unterm Touchscreen, auf Kniehöhe. Während ich also halb vornübergeugt, halb hockend bezahlt habe – das ganze Yoga macht sich endlich bezahlt- habe ich dem Designer dieses Gerätes neben Pest und Verdammnis auch noch gleich die vier Reiter der Apokalypse, Haarausfall und einen Totalabsturz seines Computers an den Hals gewünscht. Dafür, dass ich meine Würde in irgendeinem McDonalds in Marseille begraben habe.

Der Gute ist aber leider nicht alleine in seiner herausragenden Inkompetenz. Vor allem was die Gestaltung von öffentlichen Toiletten angeht gibt es ja wahre Gustostückerln, wenn man das so sagen darf. Nur allzu oft steht man nach Betreten der Kabine praktisch in der Kloschüssel. Erstaunlicherweise auch bei nigelnagelneuen Toilettanlagen, die durch einen großzügigen Eingangsbereich glänzen. Dass es wichtiger ist in den Kabinen Platz zu haben, als vorm Waschbecken hat sich noch nicht so durchgesprochen. Eine Herausforderung sind auch jene Klos, die aufgrund ihrer Hänghöhe entweder zu hoch oder zu tief für die beliebte Schranzhocke, die klassische Urinierhaltung für Damen in öffentlichen Toiletten, sind. Der absolute Gewinner in der Kategorie Planungsfehler beim Klo sind jene im Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hier in Strasbourg. Fangen wir vielleicht im Eingangsbereich an. Manchmal will man sich ja nur die Hände waschen, die Nase pudern. Das Händewaschen kriegt man vielleicht noch hin. Ist zwar etwas unpraktisch, die Waschbecken in etwa Mitte Oberschenkel zu hängen, aber es geht. Dass die Spiegel allerdings auch auf dieser Höhe platziert sind, lässt schon auf einen Mangel an Hausverstand schließen. Muss man dann aber tatsächlich, beginnen die Probleme erst so richtig. Um sich in der Kabine halbwegs wohlfühlen zu können, sind eine Körpergröße von unter 150 cm und ein Körpergewicht von unter 45 Kilo empfohlen. Alles andere wird eng. Als das Gebäude in den 90ern gebaut wurde, hat es scheinbar noch nicht diese Hygieneartikel-Mülleimer gegeben. Jedenfalls steht jetzt ein derartiges überdimensioniertes Plastikteil drinnen. Will man rein, muss man das Ding möglichst weit nach hinten schieben. Um zur Kloschüssel zu kommen, muss man das Riesenteil dann bei geschlossener Tür vor eben diese bugsieren. Das wahre Highlight an dem Ganzen ist allerdings die Spülung. Die befindet sich nämlich zehn Zentimeter neben und fünf Zentimeter über der Kloschüssel. Und ist schwer drückbar. Die einzige Möglichkeit sie zu bedienen ist tief über der Kloschüssel zu lehnen. Darf ich anmerken: Es gibt Angenehmeres. Und darf ich fragen: Wem darf ich einen gut platzierten und wohlgemeinten Schlag auf den Hinterkopf verpassen? Der soll nämlich das Denkvermögen erhöhen.

La Marseillaise

Hat von euch jemand ein Bild von Marseille, das nicht brennende Banlieus beinhaltet? Eben, ich auch nicht. Aber der Göttergatte hat einen Flyer vom Marseille-Marathon in die Finger gekriegt und befunden, dass das ja eine ganz wunderbare Gelegenheit wäre, die Stadt im Süden zu besuchen. Sport-Toursimus sozusagen. Und weil ich erstens ein Frühjahrslaufziel brauchte und zweitens immer gerne gen Süden fahre, hab ich halt zugesagt. Sechs Zugstunden später (ok, das ist jetzt im Zeitraffer, aber manchmal bieten sich solche Stilmittel einfach an) waren wir auch schon am Mittelmeer. Und positiv überrascht. Marseille kann mit einigen wunderhübschen Gebäuden aufwarten, die vielleicht umso mehr auffallen, als dass es hier auch eine Vielzahl an architektonischen Verbrechen der 60er und 70er gibt. Anders als viele andere Städte hat Marseille kein “Konzept”. Keine großen Boulevards wie Paris, die die Stadt gliedern. Hier wirkt alles wild zusammengeschustert. Was Menschen ohne ausgeprägten Orientierungssinn, wie ich es nun einmal bin, das Zurechtfinden erheblich erschwert. Es gibt auch nicht wirklich ein Zentrum, wenn dann ist es wohl der alte Hafen (vieux port) – heute der Jachthafen – , der ganz bezaubernd ist. Die alten Docks im jetzt neuen Hafengebiet wurden revitalisiert und hipsterisiert. Da gibt es jetzt Büros und sehr coole Geschäfte. Wer dort allerdings einkaufen soll ist mir ein Rätsel. Die Marseillais fallen nicht gerade durch ihr Modebewusstsein auf. Ich habe tatsächlich noch nie so viele Menschen in Jogginganzügen gesehen. In allen Farben und Fassonen. Die Erfindung der Jean ist scheinbar noch nicht in Marseille angekommen. Sonst war ich von Marseille aber positiv überrascht. Die Stadt hat schon Charakter. Und einige sehr nette Ecken. Allerdings auch einige weniger schöne, in die ich als Frau alleine nicht unbedingt gehen wollen würde. Ein Gefühl, das ich tatsächlich schon länger nicht hatte.

Für etwas Fußmarode sei angemerkt, dass Marseille recht hügelig ist. Es ist auch ganz wunderbar am Tag vorm 10K-Lauf vom GG auf den höchsten der Hügel gezaht zu werden nur um eine wirklich hässliche Kirche anzuschauen. Notre Dame de la Garde ist sowas wie das Wahrzeichen der Stadt und thront über Marseille. Die im 19. Jahrhundert errichtete Kirche ist ein wunderbares Beispiel für Pomp und fehlgeleitete Vergangenheitsanleihen in der Architektur und passt sehr gut zu den Zeitgenossinnen in Lyon und Paris (Sacre Coeur), die für mich zu den mit Abstand grauenhaftesten Sakralbauten gehören, die ich jemals angeschaut habe. Das Einzige, was alle drei rausreißt, ist der Wahnsinnsausblick über die jeweiligen Städte, die sie gewähren.

Und weil ich weiß, dass ihr auf nähere Infos zu meinen sportlichen Erfolgen brennt: Mein Ziel ist erreicht und ich unter einer Stunde geblieben. Der GG war weniger froh, auch wenn seine Zeit nicht so top war. Seiner Meinung nach. Für alle Lauflustigen seien die Läufe in Marseille aber echt empfohlen. Die 10K-Strecke ist total schön. Geht sehr viel am Meer entlang.Und im März ist das Wetter dort auch ideal zum Laufen. So, und jetzt ein paar Eindrücke.

PS: Ein kleines Häppchen Wissen so nebenbei: Die französische Nationalhymne heißt zwar “La Marseillaise”, wurde aber in Strasbourg geschrieben. Und zwar aus Anlass der Kriegserklärung an Österreich im schönen Jahr 1792. Ursprünglich war sie als Lied der Rheinarmee gedacht. Der Namen Marseillaise entstand, weil die Hymne von Soldaten aus Marseille bei ihrem Einzug in Paris gesungen wurde. 1795 wurde die Hymne dann die offizielle französische. Zwar nicht durchgehend bis heute, aber das könnt ihr selber googlen,

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